Endlich zwei Wasserhähne römisch fünf

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berlin breakfast

War da eine Bewegung? Nein. Totenstille. Das Geräusch? Nur eine Weckerfunktion des Blackberry. Wie geht die bloß aus? Der Besitzer müßte den richtigen Knopf drücken, kann aber nicht; sitzt mit halbgeschlossenen, verdrehten Augen am Tisch und reagiert weder auf Ansprechen noch auf Rütteln. Von den anderen ist nichts zu sehen.
Ein Totenbus, der vor dem Hotel in Reading hält. Der Fahrer sieht mich etwas verzweifelt an. Nein, mein Lieber: Wenn Du deinen Bus leerbekommen willst, mußt Du die wohl selber wecken. Ob ich wenigstens Tim….? Warum hat der auf einmal solche Manschetten? Die traurigen Reste dieser Party-Gesellschaft sind alles – nur nicht gefährlich. Von Amsterdam nach England, nicht sehr hungrig, aber das Bier, der Schnaps und die Amsterdamer Spezialitäten sind restlos einer bedauernswerten Konsumwut zum Opfer gefallen. Die werden doch nicht alles auf einmal …? Scheinbar doch.
Glück gehabt. Pantoufle wäre auch leicht zum Opfer solcher Exzesse geworden, hätte er sich nicht erst vor 2 Tagen von dieser Vergiftung erholt, die man als russisches Gastgeschenk die ganze Tour über schon mit sich schleppt. Da ist man mit dem Teufel Alkohol noch ein wenig vorsichtig, kennt an der Rezeption sogar seinen eigenen Namen und kann sich ohne Hilfe auf zwei Beinen bewegen.
Die Show in Amsterdam war eine fast ungetrübte Freude. Robbys Gang, unsere örtlichen Bühnenhelfer, waren nach den 3 Konzerten in Deutschland eine wahrhaftige Erholung. Schnell, kompetent, freundlich und selbstbewußt haben sie für Auf- und Abbau eine neue Rekordzeit hingelegt. Was für eine Erholung nach dem Gewimmer, Gestöhne und der Unfähigkeit, StageRight und StageLeft auseinanderzuhalten. Schlecht bezahlte Würstchen von irgend einer Job-Agentur, die nicht wissen, daß nur Bühnenhelfer mit Erfahrung etwas anderes sind als eine Gefahr für sich und andere. Die lokalen Veranstalter wissen das natürlich sehr wohl – es ist ihnen gleichgültig. Ein Euro-Jobber oder was immer der Hintergrund sein mag, kosten ihn natürlich erheblich weniger als Robbys Gang aufrufen würde. In allen Ländern, die wir nun sahen, war es erträglich bis gut: Deutschland stellt auch dieses Mal mit gewohnter Zuverlässigkeit das untere Ende der Fahnenstange. Von dieser Stelle aus einen schönen Gruß an die verantwortliche deutsche Konzertagentur: Klasse Job! Wir sind alle recht froh darüber, Deutschland wieder zu verlassen.

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Robbys Gang? Da hätte ich noch einen, wie man so schön sagt. Das war vor ein paar Jahren. Die Eagles hatten die O2-Arena in London für ein paar Wochen gemietet und erfreuten Besucher im gepflegten Rentenalter täglich mit ihren bekannten Weisen. Diese Festinstallation sollte nun für zwei Konzerte (Rotterdam und noch irgendwas) umziehen.
Das Verhältnis der Techniker untereinander war äußerst gespannt, um es einmal ganz vorsichtig zu formulieren. Eine große Produktion; jeder wollte sich mit aller Macht seine Meriten verdienen – ich war der einzige Europäer in unserem Departement; aus US-amerikanischer Sicht also vollkommen entbehrlich. Und das ließ man mich auch mit aller Deutlichkeit spüren. Das kann passieren, ist ärgerlich, aber soweit nicht weiter schlimm. Schlimm wird es erst, wenn man bei der Arbeit massiv behindert wird. Keine Helfer, keine Unterstützung im weitesten Sinne und mit mehreren Tonnen Material allein auf weiter Flur. Das ist dann nicht mehr ärgerlich: Das tut richtig weh.
Rotterdam, Robbys Truppe und die Eagles: Die Jungs haben ja Augen im Kopf und sehen schnell, was los ist. Robby fragt nach kurzer Zeit nach; ich erkläre die Frontlage und weil ich einer der Guten bin (oder wenigstens Europäer, wenn auch Deutscher) wird auf Handlungsbedarf erkannt.
Am Aufbautag war nichts mehr zu retten. Das wurde die erwartete schmerzhafte Katastrophe. Aber dann kam der Abbau.
Die Toncrew wird nach links und recht verteilt. Ich war allein, soweit ich mich erinnere auf StageRight – auf der anderen Seite rotteten sich 7 ausgebildete Tontechniker mit 10 Helfern zusammen. Ich bekam genau einen Helfer zugeteilt. Das war aber nicht nur ein Helfer, sondern Tank. Wie Tank richtig heißt, weiß ich bis heute nicht. Tank ist die ultimative Waffe, wenn es darum geht, große Massen von A nach B zu schaffen. Ob die nun geworfen werden, geschoben oder mit der unfassbaren Kraft dieses Kolosses von Amsterdam weggebrüllt: Tank (der Panzer) vereinigt Renitenz, Kraft und und Treue an das Aufgetragene mit der Abneigung gegen die USA.
Die andere Bühnenseite wurde in dieser Nacht von einer vollkommen unerklärlichen Pannenserie heimgesucht. Daß aber auch gleich drei der Motorkabel ausfielen, der Gabelstapler genau in diesem Arbeitsbereich ohne Treibstoff stehenblieb und andere Mysterien – wirklich außergewöhnlich und eigentlich gegen jede Statistik. Unter den vielen Helfern müssen sich an diesem Tag für holländische Verhältnisse ungewöhnlich viele Anfänger befunden haben. Anders ist es kaum zu erklären, daß das Material immer an den falschen Trucks landete. Für den verheerend langsamen Abbau mag es auch eine Rolle gespielt haben, daß sich dort mehr Häuptlinge als Indianer befanden. Wie es auch immer zu dieser unglücklichen Verkettung von Missgeschicken kam: Tank und ich rissen wie die Geisteskranken das Zeug aus der Decke, das wie durch Geisterhand immer dann zum (richtigen) LKW verschwand, wenn wir uns nur umdrehten. Wir waren schnell. Sehr schnell. Und selbst, wenn wir nicht rekordverdächtig schnell waren, doch immer noch deutlich schneller als die Konkurrenz von der anderen Seite. So schnell, daß man mit mir 48 Stunden danach kein Wort sprach.
Also sehr schnell.
Ganz billig wurde es nicht. Ein kleiner exklusiver Kreis wollte dieses wohlgelungene Ereignis angemessen feiern – es mit den dafür nötigen Zutaten zu versehen, war mir eine Ehre und Freude zugleich. Es wurde ein würdiges Fest, bei dem niemandem die Abwesenheit von US-Amerikanern auffiel.
Nur eben auch recht kostspielig; was bei dieser Freundschaft, die bis heute anhält, aber nicht ins Gewicht fällt. Gestern war ich mal wieder da. Schön, alte Freunde wiederzusehen.

eimer

Im Internet, daß sicher der eine oder andere kennt, steht derweil, daß die NSA-Affäre, wie sie nun wohl offenbar heißt, ausgestanden ist. Das hat ein gewisser Pofalla verkündet und er hat recht. Andere Dinge sind wichtiger und die heißen wenigstens in Deutschland Wahlschlacht. Hat das irgend etwas miteinander zu tun? Ja, durchaus. Das Urteil für Bradley Manning ist verkündet; es ist neben dem rechtssaatlichen Offenbarungseid der USA ebenso die Zahl, die sich ein Edward Snowden merken sollte. Das gedenkt man mit den Überbringern schlechter Botschaften zu treiben, neben der Hetzjagt, den Sinnverdrehungen und dem stillschweigenden Einverständnis, daß man George Orwell nun endgültig eingeholt – nein: Übertroffen hat. Das endgültige Ende des Rechtsstaates, wie wir ihn kennen, das Ende des Parlamentarismus. Pofallas Verkündigung bedeutet ja nicht nur die Bankrotterklärung gegenüber den selbstgeschaffenen Institutionen von geheimnisvollen Überwachungsinstrumenten – sie haben eine Macht inne, die es unmöglich macht, sie auch nur zu kritisieren, von einer Korrektur ganz zu schweigen. Die Geheimbünde des Geldes und der »Dienste« als schwarze Macht hinter einer Kulisse, in der sich die Politik wie Fadenpuppen nach sehr einfach gestrickten, kindertauglichen Mustern bewegt.
Sie möchten nun wiedergewählt werden, das öde Stück fortführen, mit dem sie ihr Publikum nun schon so lange langweilen. Der Kasper, die Prinzessin und das Krokodil. Seppel verkündet stolz den nächsten Akt: Noch mehr Kasper-Klatsche, noch lustiger als beim letzten Mal und die Teilnahmemöglichkeit an einem Gewinnspiel. Wer gewinnt? Das hat nun auch der Dümmste begriffen. Die Gewinner rufen zur Wahl, all die Verlierer sollen die Regeln des Spiels bestätigen. Durch ein Kreuz wird bestätigt, daß alles seine Ordnung hat. Das Kreuz als Manifestation der bestehenden Ordnung, die doch so gar keine ist. Der Jubel der Gewinner und die niedergedrückten Analysen der Verlierer als heimlicher Jubel, daß weitergespielt werden darf; die Regeln bestätigt, die Errungenschaften einer Zivilisation, die einige als postdemokratisch bezeichnen – wobei es noch zu klären gälte, ob es jemals ein »demokratisch« gegeben hat. Das Rückzugsgefecht eines sterbenden Kapitels der Geschichte. Parlamente, Gewerkschaften, das freie Wort und des freien Gedankens: Das war gestern, vorgestern. Es ist das Festhalten an der Pferdekutsche, wo schon lange Autos und Flugzeuge den Verkehr bestimmen. Schlimmer noch: Man glaubt an das Pferd, vergöttert die weiche Nase und betet die Hinterlassenschaft auf den Wegen an, die der Stoffwechsel dieser Wesen hinterlässt.
Gar nicht so schlecht, dieses aus Sperrholz und billigen Vorhängen gebaute Theater. Es hat angeblich sogar seine Gegner besiegt – genauer gesagt ausgesessen. Der Sieg des Kasperletheater wegen des Blattgoldes neben dem Guckfenster. Kasper ruft. Zur Wahl, zur Wahl, sonst verpasst ihr den nächsten Akt der lustigen Geschichte mit dem Krokodil, das im letzten Augenblick durch Seppel davon aufgehalten wird, die Prinzessin zu fressen. Der Polizist als blöde Figur, der König als huldvolle Gestalt unter ferner liefen und die lachenden Kinder auf den wackeligen Stühlen.
Wählt Euch eine farbenfrohe Version der Geschichte. SPD und Kasper trägt ein rotes Halstuch, NPD und der Polizist hat schmutzige Fingernägel. Die gelbe Partei verspricht ein Stück mit vielen Geldnoten, die ihnen aus den Hosentaschen fallen und die christlichen Parteien Werte, die sich irgendwie versilbern lassen.
Geht wählen.
Ach, da fehlte jemandem ein bunter Farbtupfer im Parteienspektrum? Aber natürlich: Wer die endgültige Erosion des abendländischen Wertesystems beklagt, stimmt natürlich für eine Partei, die das durch die Wahl eines Computer-Betriebssystems regelt. Oder durch einen fleischfreien Tag. Oder die Abschaffung einer ausgewürfelten Währung. Das macht sich in den Geschichtsbüchern besonders gut: Das Engagement im Kleingartenverein »grüne Tomate«, um einen Hitler zu verhindern.
Es ist genug. Das Pantoufle wird nicht wählen gehen. Nie wieder – nicht in dieser Welt. Wahl bedeutet eine Option. Diese Option existiert nicht. Also keine Wahl. Historisch hat sich das Ende der Fahnenstange niemals als Neubeginn herausgestellt. Es wird etwas kommen, das eine Generation zerstören wird. Niemand weiß, wie es aussieht, was passieren wird. Es wird keine Wahl sein. Fragt die arbeitslosen Jugendlichen in Spanien, die in Griechenland oder die Faschisten in Ungarn. Eine Wahl? Es gibt sie nicht. Statt dessen eine schiefe Ebene. Vielleicht wird man sie einmal als postdemokratisch bezeichnen. Oder als Faschismus 2.0.
Zur Wahl schreiten? Die Bräute sind hässlich, dumm und missgestaltet. Es ist keine Hochzeit: Es ist der Gang ins Bordell.

soad

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