Endlich zwei Wasserhähne römisch drei

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Es ist heiß. Nein, nicht diese unerträglichen 28 Grad im Norden Deutschlands, sonder richtig warm. Wieviel weiß ich auch nicht genau, aber heiß. Alle laufen ganz nackig oder wenigstens ziemlich unbekleidet herum. Nur wir nicht. Dienstfarbe aus alter Tradition ist schwarz und dabei bleibt es – und wenn in der Sonne das Aluminium weich wird, aus dem unsere Bühne gebaut wurde. Nein, ich habe auch kein weißes T-Shirt oder diese knielangen Hosen meine Ami-Kollegen, die so kleidsam Fettarsch und Bierbauch betonen. Hab ich nicht, will ich nicht und deshalb ist mir zu warm. Nicht ich bin schuld: Es ist das Wetter!
Ein zehnstündiger Katastrophenflug über Wien und Moskau, um nach Anapa zu gelangen. Das ist da, wo es viel zu warm ist – irgendwo an der Schwarzmeerküste. Der Flug nach Wien war besonders beeindruckend: Das Publikum sah aus wie aus einer Haderer-Karikatur entsprungen. Der schmierige Geschäftsmann mit halblangen Haaren, die Urlaubsheimkehrer und eine Art Gravitationslinse in Form einer Damengesellschaft. Es war so übelkeitserregend wie das Bier am Flughafen. Das aber immerhin mit Raucherkabine.

Die gabs in Moskau nicht. Dafür aber furchterregende hohe Mützen, die man nur ganz nett fragen mußte, ob man den Sicherheitsbereich mal eben in falscher Richtung durchqueren kann. Was auf keinem verdammten Airport der Welt funktioniert: Moskau geht. Die kurze Frage nach Passport und Boardingpass mit »Ja« beantworten und dann kommt man auch raus. Das geht genau so, wie eine Pulle Wodka ins Flugzeug mitnehmen. Das weiß ich genau, denn dort traf ich meine amerikanischen Kumpels, mit denen ich genau diese Flasche morgens um 4:30 geleert habe. An den letzten Teil der Strecke kann ich mich deswegen nur schemenhaft erinnern. Es muß aber ganz nett gewesen sein: Bei der Landung war ich wieder halbwegs zurechnungsfähig; man konnte sie schlechterdings nicht verschlafen, da die Landebahn ähnliche Qualität hatte wie die hiesigen Straßen. Es spart den Wecker.

Hier sind wir nun. Natalie, die uns für das Festival in Empfang nahm, ist so schön wie ein Sonnenaufgang. Alle waren auf einen Schlag höflich, beflissen und überaus diszipliniert. So einfach geht das manchmal. Ach ja: Auch die Sonne war wieder aufgegangen, es wurde wieder Tag. Ein Tag, den wir an der Hotelbar heftig begrüßten. Wiedersehensfreude – Ihr versteht? Dienstbegin 1:00 Uhr nachts… bis dahin wird man hoffentlich wieder nüchtern sein. Das war ich dann auch. Wenigstens halbwegs aufrecht traf ich den Produktionsleiter, der den Termin kurzerhand auf 6:00 morgens verlegt hatte. Als ich den Rest der Truppe sah (Testbilder blicken dich an), konnte ich die tiefe Weisheit dieser Entscheidung nicht genug bewundern und verschwand schleunigst wieder im klimatisierten Zimmerchen.
Was solls. Auch so sind wir rechtzeitig fertig geworden. Heute kurz vor Mitternacht ist der Auftritt und dann werden wir den Krempel so schnell wie möglich wieder abreißen; morgen geht’s nach weiter. Rock&Roll-Zirkus.

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Dieser Zirkus verhindert wirkungsvoll, die Umwelt wahrzunehmen. Man sieht streng genommen gar nichts. Daß man die Landessprache nicht beherrscht: Dafür gibt’s die Mädels der lokalen Produktion. Keine Zeitung, kein Plakätchen an der Wand, dessen Sinn sich einem erschließt. Eine Apotheke erkennt man notfalls noch wie ein Gemüsegeschäft, mehr noch die Auslagen an »wilden« Verkaufs-Ständen am Straßenrand. Direkt vom Erzeuger – die Gärten liegen genau dahinter. Dort eine S-Klasse vor einer durchaus ansehnlichen Villa direkt neben einem abbruchreifen Haus, an dessen Fenstern aber Gardinen hängen; eine alte Frau auf den Stufen zur Tür, ein junges Mädchen, das Gemüse verkauft an der Gartenpforte.
Keine Möglichkeit der Erkenntnis, keine gemeinsame Sprache, kein Zugang. »Wollen Sie nicht lieber wieder ins Hotel gehen und noch einen Drink…?« Kein Urteil. Nur die Feststellung, daß es unmöglich ist, zu erfahren. Man kann nur sehen und glauben. Ob man wirklich wissen will? Ich weiß es nicht. Ich war vor Jahren einmal auf einer Tournee in den ehemaligen Kriegsgebieten im Kosowow. Mit einem der Helfer, mit dem ich mich recht gut verstand (und der leidlich englisch sprach) wollte ich mich über diesen Krieg unterhalten. Anstelle einer Antwort zog er sich das T-Shirt hoch und drehte sich wortlos um. Auf seinem Rücken befand sich eine Spur von runden Narben…6,7,8 – ich weiß es nicht mehr. Eine Maschinenpistole war das. Er lag ein Jahr im Krankenhaus. Krankenhaus? Nein, nicht so wie unsere. Irgend eine Hütte mit einem verzweifelten Arzt. Wollen wir wirklich wissen?

Ich muß ins Bett (klimatisiert). Noch etwas Schlaf nachholen vor der Show. Wir machen eine Rock&Roll-Show. Wir verkaufen Träume.

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