Gedicht am Dienstag (6)

Und schon wieder ein unpolitischer Dichter, aber ein wichtiger. Russland sucht sich und findet doch so gar nichts außer dem, was es als russische Seele bezeichnet. Diese Seele, die über Leibeigenschaft, dem Zaren, der Geheimpolizei, dem Hunger und dem unfassbaren Elend dieses Volkes schwebt als Traum, eines Tages Gerechtigkeit zu erfahren. 80 Jahre nach A.S. Puschkins Tod gab Lenin eine Antwort. Ob sie Puschkin gefallen hätte? Ich weiß es nicht.

So schön von Goldbaum gesagt, daß ich es an dieser Stelle zitieren möchte:

»„Dieser Puschkin ist Einer von den Unseren,“ flüsterten die Revolutionäre einander zu; „er ist ein gefährliches Subject,“ decretirte der Czar, als ihm Puschkin’s „Ode an die Freiheit“ von höfischen Angebern zugetragen worden war. Und da derartige gefährliche Subjecte unter allen Umständen aus Petersburg entfernt wurden, so konnte auch Puschkin dem Schicksale der Verbannung nicht entgehen; man internirte ihn auf seinem Gute Michailowsk. Während er aber fern von der Hauptstadt im Exil lebte, erhoben sich die Decabristen und wurden niedergeschlagen, und als Nicolaus im Jahre 1826 zur Krönung nach Moskau kam, ließ er den Dichter durch einen Feldjäger zu sich entbieten, um ihm die Freiheit wiederzugeben. Das war Puschkin’s Antheil an der damaligen revolutionären Bewegung; er hatte durch seine Gedichte geholfen, sie vorzubereiten , aber der Verschwörung war er fern geblieben. Nun leuchtete die Gunst des Czars über seinem Haupte, aber ihn vollends zum Sclaven zu machen, war sie nicht im Stande. Er schwieg, da er nicht sagen durfte, was ihm das Herz bewegte.«
Wilhelm Goldbaum

Sendschreiben nach Sibirien

In finstren Tiefen sibirischer Erze
Bewahrt Geduld, seid stolz und klug,
Denn euer Werk, das schicksalsschwere,
Wird wachsen im Gedankenflug.

Des Unglücks treuergebne Schwester,
Die Hoffnung, weckt im dunklen Schacht
Den Mut, die Fröhlichkeit, bis letztlich
Die lang ersehnte Zeit erwacht:

Die Liebe und die Freundschaft dringen,
Obwohl ihr eingekerkert seid,
Zu eurer schweren Zwangsarbeit,
Wie jetzt nur meine freie Stimme.

Die Fessel, die den Fuß beschwert,
Wird brechen wie des Kerkers Schranken,
Die Freiheit euch am Tor empfangen
Und Brüder reichen euch das Schwert.

1827 (Dieses Sendschreiben an die zu Zwangsarbeit verurteilten Dekabristen gelangte durch eine jener Frauen nach Sibiren, die ihren Männern in die Verbannung folgten. Der Dichter A. I. Odoevskij beantwortete es im Namen der Dekabristen mit dem Gedicht »Der heilgen Saiten Feuerklänge«.)

Das Denkmal

An Denkmal hab‘ ich mir in meinem Volk gegründet,
Nicht Menschenhand erschufs, kein Gras bewächst den Pfad —
Doch stolzer ragt es auf als jenes das verkündet
Napoleon’sche Ruhmesthat.

Nein! ganz vergeh‘ ich nicht: mag auch zu Staube werden
Was der Verwesung Raub, der Leib den man begräbt —
Im Liede lebt mein Geist, so lange noch auf Erden
Auch nur ein einz’ger Dichter lebt.

Durch alles Russenland trägt meinen Ruhm die Muse,
Wo einst mich jeder Stamm in seiner Zunge nennt,
Der stolze Slave mich, der Finne, der Tunguse,
Wie der Kalmyk der Steppe kennt.

Und lange wird mein Volk sich liebend mein erinnern,
Weil ich es oft erfreut durch des Gesanges Macht,
Für alles Gute Sinn erweckt in seinem Innern,
Und den Gefallnen Trost gebracht.

O Muse! folge stets der Stimme deines Gottes,
Fürcht‘ nicht Beleidigung, nicht auf Belohnung sieh,
In Gleichmuth hör‘ dm Ruf des Ruhmes wie des Spottes,
Und mit den Thoren streite nie!

An eine tabakschnupfende Schöne

Wie? Anstatt Rosen, die dem Gott der Liebe eigen,
Statt Tulpen, die sich vornehm neigen,
Statt Lilien, Jasmin und Blütenreis,
Die deinen Sinnen so gefallen,
Die du getragen hast vor allen
An deines Busens Marmorweiß –
Was seh ich, reizende Climene?!
Wie seltsam wechselt den Geschmack das Schöne!
Du riechst nicht mehr entzückt am frischen Blütenblatt,
Nein, – an dem Kraut, dem duftlos schlaffen,
Das Afterkunst geschaffen
Zu feuchtem Pulver hat!
Mag Göttingens Professor, dürr und zopfen,
Auf dem Katheder krumm und lahm, verrannt
Ins schimmlige Latein mit tüftelndem Verstand,
Sich braunen Knaster hüstelnd stopfen
Ins lange Riechorgan mit blutlos siecher Hand;
Mag ein Dragoner schnurrbartzwirbelnd,
Matt nach durchschlemmter Nacht und blaß,
Frühmorgens sonder Unterlaß
Hinunterspülen Glas auf Glas,
Der Meerschaumpfeife Rauch verwirbelnd;
Mag eine Jungfrau sechzig Jahre alt,
Verabschiedet vom Amor und der Venus,
Ein Kunstgestell von unbestimmten Genus,
Verhutzelt, runzlicht, mißgestalt,
Klatschsüchtig, muckerisch – beim theegefüllten Glase,
Am Zucker knabbernd, in Ekstase
Sich Tabak reiben unter ihre Nase –
Doch du, o Liebliche! … O Phantasiegebild!
Wie, wenn ich Tabak wär? Aus deiner Dose
Nähmst mit zwei Fingern du hervor mich zart und mild
Und röchst an mir, als wär ich eine Rose,
Ich aber dankte meinem Götterlose
Und fiele, glitte – o der Himmelslust! –
Dir hinter’s Busentuch, an deine Atlasbrust,
Vielleicht sogar … o schweige, falsche Stimme:
Das Schwärmen bringt mir nicht Gewinn!
Das Schicksal haßt mich, blind im Grimme, –
Weh mir, daß ich nicht Tabak bin!

Hat da einer Heinrich Heine gesagt? Ja, auch das. Da ist ein wenig Heine.

Post Scriptum: An dieser Stelle noch einen verspäteten Dank an meinen Leser Piet, der an einem ausgefallen Dienstag ohne Gedicht eines von Uli Becker beigesteuert hat.

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