Gustav Landauer – Von der Dummheit und von der Wahl (1912)

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Alternativlos auf das Reisefertigste. Merke: Wer schwarz fährt, ist noch lange nicht kriminell!

Raus aus der Hitze. Ich packe! Um genau zu sein: packe Motorrad, kipp noch ein wenig Öl nach; die Ventile sind eingestellt – die Kompression auf Nr. 3 legte das nahe. Sogar ein Hinterradreifen mit etwas Profil fand sich noch. Das soll reichen. Einmal England und zurück – die Fliegerei bleibt mir erspart – die Firma zahlt die Spritkosten und die Fähre. Herz, was willst Du mehr. Heute Nacht geht es los.

Wenn es sich ergibt, werde ich von unterwegs berichten. Neben der Arbeit stehen allerdings ein oder zwei Museen auf dem Programm und natürlich die Freunde in England. Soviel Zeit zum Schreiben werde ich nicht haben, mir nicht nehmen.
Damit meine lieben Leser aber was zum schmökern haben, mal wieder etwas von Landauer. Ja, ja: Ich weiß! Meine unheimlich beliebte Kolumne »Gedicht am Dienstag« und die gelegentlichen Texte von Landauer sind nicht gerade die Quotenbringer auf der Schrottpresse, aber man hat ja auch seinen Bildungsauftrag. Und ein gerütteltes Maß an Impertinenz.
Jetzt also noch kurz das Bordwerkzeug sortieren, die Kamera, Laptop und Regenzeug (wenn ich es zu Hause lasse, gießt es aus Kannen) und zum Abschied einen schönen Riesling.

XJ900 58L ? This way…


Gustav Landauer – Von der Dummheit und von der Wahl (1912)

Schnee liegt über Feld und Wald. Der Boden ist zu Stein gefroren. Finken, Hänflinge, Lerchen kommen in die Dörfer und Städte und suchen da die Nahrung bei den Menschen, die ihnen die Natur verweigert. Viele verhungern und erfrieren; einige, die sonst zu Grunde gegangen wären, bleiben am Leben, weil die Menschen mit Absicht oder zufällig ihnen den Tisch decken.

Es ist nicht auszudenken, wäre eine unsinnige Phantasie, sich eine Lerche vorzustellen, die den andern Vögeln predigte: so sei es immer gewesen, aber es müsse nicht so bleiben; wenn sich alle Vögel zusammentäten, könnten sie im Herbst Vorräte aufstapeln, könnten auch mit ihrem Gefieder den Schnee wegschaufeln usw. Der Verstand, die Erinnerung und Abstraktion dieser Tiere ist nicht so beschaffen, daß derlei je zu erwarten wäre.

Was dagegen die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt.

Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten?

Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse.

Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von solchen Tieren, wie wir sie genannt haben, nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit.

So wie sich die Ergebnisse der menschlichen Überlegung, Berechnung, Fürsorge durch Tradition weiter vererben, genau so hat die Menschheit ihre Einrichtungen traditioneller Dummheit.

Daß die Menschen Zustände haben, auf Grund deren Tausende ihrer Brüder in der glasharten Kälte ohne Obdach, ohne Arbeitslust oder äußere Arbeitsmöglichkeit, ohne rechte Nahrung sind, kommt von einer seit Jahrhunderten weiter vererbten und gesteigerten Dummheit; die Dummheit springt noch mehr in die Augen, wenn man die Wohltätigkeitsveranstaltungen sieht, die diesen Schrecknissen entgegengesetzt werden: die Blumentage im Sommer, die Wohltätigkeitsfeste und Bazare der vornehmen Gesellschaft im Winter, und die albern grausamen Ergebnisse dieser kindischen Bemühungen: die Asyle für Obdachlose, die Wärmehallen, die Zuchthäuser und die allerneueste Mißgeburt, die vom grünen Tische gefallen ist: der Arbeitszwang. Unter Menschen, die, wenn’s ginge, gar keine Liebe und gar keine Scham und gar kein Gefühl der Selbstachtung hätten, bloß unter Menschen mit Verstand bestünde in ihrervorn Verstand geleiteten Gesellschaft ein durchaus natürlicher Zwang zur Arbeit, der, wie jedes Stück Natur seine äußere und seine innere Seite hat: die Notwendigkeit zum Mittel der Arbeit zu greifen, um den Zweck des Lebensunterhalts zu erreichen, von außen; und die dem gesunden Organismus eingeborene Lust zur Betätigung und zum Fertigmachen von innen, von wo aus die Arbeit doch wieder kein bloßes Mittel, sondern ein Zweck ist. Hier ist übrigens der Augenblick zu merken, daß es eine bloße Verstandesgesellschaft natürlich nicht geben kann. Wo wirklicher gesunder Verstand ist, da ist auch gesunde Lust; und wo Lust ist, da sucht Kind wie Frau wie Mann sich Genossen der Lust, und wo Gleiche im Ausdruck des Gleichen geeint sind, da stellt sich die Erkenntnis der Gleichheit in aller Verschiedenheit und Getrenntheit ein, die Liebe heißt. Zum rechten Verstand gehört die rechte Liebe, wie die Bosheit sich neben der Dummheit spreizt.

Unter gesund entwickelten Menschen sieht die Fürsorge, die Ordnung, die Gemeinschaft immer so aus, daß außen eine Not ist, der von innen her die Lust antwortet und entspricht und daß diese Lust die Einrichtungen der Liebe und der Gemeinde schafft. Darum ist es in dieser wunderlich-schönen Welt so bestellt, daß gar nichts ein bloßes Mittel ist: was immer geschieht, aus Lust wird es getan, und in einer Wirtschaft solcher Menschen wird jedes Gefäß zum Kunstwerk, weil es nicht bloß geschaffen ist, um ein drängendes Bedürfnis zu befriedigen, sondern weil die Arbeitsfreude sich in jedem Gegenstand selbst darstellt und um jeden Gegenstand spielt. In solcher Wirtschaft und Gesellschaft sind Arbeit, Spiel und Sport, sind Gebrauchsgegenstand, Ornament und Arabeske immer beisammen, immer und in den verschiedensten Graden bereit, in einander umzuschlagen.

Auch in solcher Gesellschaft, wo die Arbeit selbst von Lust und Liebe unzertrennlich ist, wird es Feste geben, wo man die Werkelsachen ruhen läßt und sich der Freude und Gemeinschaft rein um ihrer selbst willen hingibt, wo man Innigkeit und Herzensbedürfnis und Jubel und Überschwang nicht mehr mit nützlichem, sondern mit erfundenem Werk verbindet, wo die Arbeit zum Tanz, der Entwurf zum Himmelssturm, die Lust zur Seligkeit wird. Da habt ihr nun, ihr Menschen der lieblich duftenden Neuzeit, da habt ihr nun zum Beispiel euren Verkehr und habt zum Beispiel eure Eisenbahnministerien. Wie wenig aber habt ihr damit begonnen, habt ihr nur bisher daran gedacht, aus diesen Tatsachen alles zu schöpfen, was darin liegt. Ihr habt lauter Dinge, lauter Einrichtungen, lauter Erfindungen und Möglichkeiten, die nicht sind, was sie sind, die mehr nicht sind als sind. Ihr habt Eisenbahnen, habt Telegraphen, habt Zeitungen: aber habt ihr Volksfeste, habt ihr Menscheitsfeste, habt ihr auch nur auf dem lumpigen Papier eine wahre Versammlung wahrer Menschheit? In euren Erfindungen lebt die Menschheit; aber ihr habt sie darin eingeschlossen, weil ihr sie nicht in euren Herzen, in eurem Bedürfen, in eurer Fülle, weil ihr sie nicht in euren Gemeinden und Versammlungen habt.

Als von euren großartigen Erfindungen und Möglichkeiten noch gar nichts da war, in den verrufenen primitiven Zeiten, wo man zu Fuß ging und allenfalls ein Pferd vors Wägelchen spannte, da war all das lebendig, was ihr jetzt gefangen gesetzt habt. Eine einfache Landkirche, wohin die Bewohner etlicher Dörfer sich sonntags begaben, ein Marktplatz in einem Städtchen oder der Raum um eine Dorflinde haben mehr von Kunst und Religion und Menschheit gesehen, als ihr euch mit all euren Wundermaschinen schaffen könnt, ihr Esel, die ihr Gefangenenwärter und armselig Gefangene in einer Person seid. – Früher stellten die Männer das Werkzeug in die Ecke und nahmen die Waffe oder den Stock zur Hand und gingen zum Thing. Da berieten sie über bestimmte Dinge der Gemeinschaft, und all ihre überschüssige Arbeitslust strömte nun zusammen zu den öffentlichen Angelegenheiten. So traten die Dorfgemeinden und die Stadtgemeinden zusammen, so gaben die Beauftragten Rechenschaft, so wurden neue Beauftragte ernannt, so gab es heiße Köpfe und Streit und Wut und Einigkeit und Beschluß. Und das war eine freie, öffentliche Sache, und jeder stand seinen Mann und stand bieder und ehrenfest in seinen Stiefeln und dachte und wirkte fürs gemeine Ganze.

Heute! Heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.Und die Männer sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

Aus: Der Sozialist, 15.01.1912

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15 Antworten zu Gustav Landauer – Von der Dummheit und von der Wahl (1912)

  1. Thelonious schreibt:

    Einen schönen Text hast du da rausgesucht.
    Alleine das mit dem Motorrad mag mir nicht gefallen. Eine 900er sollte höchstens zwei Zylinder haben und aus Bologna stammen, nicht aus Hamamatsu. 🙂

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  2. pantoufle schreibt:

    HALLO? Die kleine Süße hat mich viermal um die Erde gefahren. Und das ist nur eine von meinen japanischen Bandeisen.
    Das Posen mit Renomiermarken überlasse ich anderen. Ich fahre Motorrad. Sommers wie Winters. Ich bin in den Top-Ten beim Benzinpumpenreparieren bei der VFR unter der Brücke bei Regen, mit meinem Bordwerkzeug wechsele ich den Motor einer XJ und Kupplungsscheibenwechsel wird ohne Ölablassen während der Zigarettenpause auf der Raste erledigt.
    Meine Dicke springt völlig vereist im tiefsten WInter an und wärmt mich mit ihrem Ticken, wenn ich mich mit meinem Schlafsack neben sie kuschele. Bei der Egli, der VFR, der XJ und der Katana kenne ich jede verdammte Schraube mit Vornamen – das peinliche »ich fahr mal zum Duke-Schrauber« überlasse ich denjenigen, die zu blöd zum Kerzenwechsel sind. Klar hätte ich gerne ne 900 SS, aber nicht zum Fahren. Das sind verdammte Schaustücke. Ich… arrhhggg: LASS MEINE DICKE IN RUHE: DAS IS NE ECHT GEILE KARRE! Der vertrau ich mehr als 99,9% der Menschheit!

    🙂

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  3. Frank Benedikt schreibt:

    Sooo ein Reiskocher aber auch 😛 Frag mal Lazi, was er davon hält und ober er sie Dir günstig in ne blubberige Harley umbauen mag 😉

    Schönen Urlaub vom
    Dauerurlauber!

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  4. pantoufle schreibt:

    will keine Harley – liege zufrieden in meinem Bettchen in Engeland, ein IPA neben mir und habe gerade zu Abend gespiesen. Mit Urlaub is nich so – ich bin vorrangig zum arbeiten hier. Jetzt notiere ich erst mal ein paar Reisenotizen, mit denen ich meine Leser langweilen kann.
    Gruß zurück!

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  5. kiezneurotiker schreibt:

    Gute Fahrt!

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  6. Thelonious schreibt:

    Mein lieber pantoufle: Es stand mir fern, deine Reisebegleiterin zu beleidigen. Ich hatte nicht bedacht, dass sie ein Teil deines Lebens ist.
    Aber mir zu unterstellen, ich müsste alle 1000 km einen Händler aufsuchen, um das Mädel reparieren zu lassen, trifft mich tief. 100000de Kilometer habe ich mit mit der alten Dame nicht heruntergerissen, denn zu einer kurzen Fahrt zur Eisdiele oder zum Einkaufen taugt sie nicht. (Zum posen übrigens auch nicht mehr, denn ihre 34 Jahre sieht man ihr an. Wie bei ihrem Besitzer, ist der Lack schon lange ab. Beide haben Beulen und Macken.) Und ja, wir kommen auch nicht immer am Ziel an, aber meistens. Mit Bordwerkzeug ist sie auch nicht zu reparieren und deshalb muss ich vor der Fahrt meinen Rucksack auf die Vollständigkeit des Werkzeugsatzes überprüfen. Aber eine Vertragswerkstatt hat sie seit gut 20 Jahren nicht mehr von innen gesehen. GRRR! 🙂

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    • Thelonious schreibt:

      PS: Ganz vergessen: Eine Egli hast du auch? Poser :P.

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    • pantoufle schreibt:

      Is ja gut…ganz ruhig – war nicht persönlich gemeint! Aber wahrscheinlich weißt Du, von welchen Fahrern ich rede. Die kennena jedes Staubkorn beim Namen, das sie beseitigt haben, aber nicht den Wärmewert ihrer Zündkerzen.
      Von den XJ habe ich zwei fahrbare und mindestens drei komplette in Teilen, inklusive dem »Spezialwerkzeug«. Ich wäre ja blöd, wenn ich Marke wechsele.
      Der Ehrgeiz, irgendwelche Exoten zu fahren, hat sich nach einer BMW, Panther und Mars Ära irgenwann erledigt. Einem Kumpel sah ich drei Jahre zu, wie er versuchte, eine Horex (mit Renn-Zylinder & CO) in ein fahrbares Vehikel zu verwandeln. Wenn Du mich fragst: Zeitverschwendung. Selbst im Hochsommer nur mit Startpilot und nach 20km Kerzenwechsel. Und das für knapp 35 PS.
      Ich habe die Arroganz der Britisch-Fans und Italohörigen nie ganz verstanden. OK: Die Bikes waren sicher in vielen Punkten besser, aber die Japaner haben sie verkauft. Groß geworden bin ich in dieser Zeit des Umbruchs – da war die BSA Rocket 3 und eine 900 SS, aber worüber reden wir denn ? Die BSA war die komplette Fehlkonstruktion und auch die Duke weit von Alltagstauglichkeit entfernt. Fast alle europäischen Firmen sind baden gegangen bis auf eine Handvoll. Die Japaner haben erst einmal einen Haufen Schrott produziert, aber dann gezeigt, wie man Technik und Image auf den Punkt bringt. Wenn die nicht gewesen wären, gäbe es heute weder BMW (Motorräder) noch Ducati oder Triumph. Ja, ich weiß: Eine gewagte Formulierung, aber es spricht vieles dafür. Ich halte es jedenfalls für äußerst fraglich, ob die verblieben EU-Firmen ein Mittel gefunden hätten, den Imagewechsel in dieser Form zu bewältigen. Diesen Übergang vom Armeleute-Fahrzeug in ein Produkt der »Freizeit-Industrie«. Es war eine Honda 750 K0, nicht eine Ariel Square four, eine XT500 und keine Sunbeam, keine Harley sonder ein Hondaprodukt.

      Ich habe jedes Verständnis für den Reiz der Nische, respektiere aber genau so das Können der Ingenieure von Honda oder Yamaha. Es ist ein Eiertanz: Auf der einen Seite das individuelle Produkt für den Individualisten (was an sich schon fragwürdig ist), zum anderen simples Können. Der Nockenwellenantrieb über einen Zahnsatz der VFR ist klar von MV-Agusta »geklont« – bei Honda funktioniert das aber. Nimm den Motor mal auseinander; da kommst Du aus dem Grinsen aber nicht mehr heraus. Das Ding hat echt Klasse! (bis auf die idiotische Benzinpumpe… ist der blöden Einbaulage der Vergaser geschuldet – strömungstechnisch liegen sie aber richtig).
      Und sorry: Der bildschöne Motor der MV 750 Amerika mit dem unfassbar eleganten Auspuff, der von einem einzigen Mechaniker zusammengesetzt wurde, hat 75PS – wenn der Kerl einen guten Tag hatte. Hatte er aber meist nicht! 60PS kommen der Sache weit näher. Ne VFR ist im unbehandelten Originalzustand nicht unter 100PS zu kriegen (RC24). Da mußt Du nur wenig Hand anlegen, dann hast Du die geilste Kettensäge mit absoluter Alltagstauglichkeit… ach was erzähl ich!

      Es ist doch so: Wenn man sich mit einer Maschine nur lange genug beschäftigt, spürt man irgend wann den »Mastermind« dahinter. Da hat jemand eine Idee gehabt, einen Gedanken, den er verfolgte. Mit allen Fehlern und Großartigkeiten, die er darin unterbrachte. Wenn man dem folgt, sich darin einlebt, wird man ein Teil davon. Man kann es teilen, weiterverfolgen – vielleicht sogar ein paar Fehler ausmerzen. Aus welchem Land der Ingenieur kam, welcher Hautfarbe und Religion er angehört, ist doch vollkommen gleichgültig.
      Es ist Menschenwerk.

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      • Thelonious schreibt:

        Keine Sorge, ich war nicht wirklich eingeschnappt. Aber dies ist und bleibt ein Problem der Kommunikation im Netz. Uns fehlen zu viele Kanäle. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Gestik, Mimik und Stimmlage sind für uns Kinder des analogen Zeitalters doch noch sehr wichtig und die smileys nicht mehr als eine Krücke. Zumal, wenn wir uns persönlich nicht kennen. Wie Kleinkinder müssen wir diese Art der Kommunikation erst mühsam erlernen. Meine Söhne haben dabei schon weniger Probleme als ich. Aber jetzt will ich nicht noch ein Fass aufmachen.

        Du schreibst viel Richtiges. Die Japaner haben den Motorradbau tatsächlich auf ein bis dato unerreichtes Niveau gehoben und damit den Imagewandel zum Freizeitspaß erst möglich gemacht. Technisch waren sie vor allem den Engländern weit voraus. Ich muss nur an die XS650 denken, die die bessere Triumph war. Die von dir erwähnte XT (mein erstes Motorrad) oder die Z 900 bzw 1000 sind heute nicht zu Unrecht Klassiker – wie die Ducati eben auch. Deine XJ ist nach wie vor ein sehr elegantes Motorrad. Die Katana war in meinen Augen stilbildend.

        Arroganz, so gebe ich dir vollkommen Recht, ist überhaupt nicht angebracht. Aaaber… Natürlich waren weder die 750 SS noch die 900 SS jemals alltagstauglich. Das sollten sie auch nicht sein. Es waren und sind Rennmaschinen. Und hier lag das große Missverständnis. Viele Leute holten sich die 900er als Freizeitgerät und waren total unglücklich. Die doch recht aufwändige Mechanik mit den Königswellen und die Desmodromic erfordert viel Pflege und auch Einfühlungsvermögen. Wer nur kurze Fahrten machte, hatte nach zwei bis drei Jahren nur noch einen Haufen Mechanikschrott. Zudem ist sie auch für lange Reisen ziemlich untauglich. Die Vibrationen lassen bei mir regelmäßig Hand und Fuß einschlafen. Koffer kommen nicht in Frage und nach 100 Kilometern ist eine Pause angebracht, weil der Rucksack einem durch die Sitzposition das Kreuz zu brechen droht. Nachts zu Fahren kann man vergessen, weil jede Petroleumfunsel mehr Licht abstrahlt als der Scheinwerfer der Ducati.

        All das macht die DUC für über 90 Prozent der Motorradfahrer uninteressant. Zumal das Klientel, das sich damals eine neue leisten konnte, oft genau dem Stäubchenzähler entsprach. Normalerweise hätte ich sie mir auch nicht leisten können, doch ich hatte das Glück, dass meine damalige Freundin sie von ihrem Vater geerbt hatte und nicht viel mit ihr anzufangen wusste. Ich wusste, auf was ich mich einließ, denn ich kannte das Teil schon vorher. Wie oft musste ich mir anhören dass sie mit ihrem Besitzer zweimal auf der Isle of Man unterwegs gewesen war. (Vor vier Jahren war die DUC übrigens zum dritten Mal auf der Isle of Man. Nicht im Rennen, nur so. Seither weiß ich warum der gute Mann immer davon erzählte.) Er liebte dieses Motorrad und ich half ihm oft bei Reparatur und Wartung. Fahren durfte ich sie jedoch nie. Nur hören und das reichte. Da war dann beim Kauf auch egal, dass wieder Fahrradfahren angesagt war. Im Laufe der Jahre habe ich viel Zeit und auch Geld in die Ducati gesteckt. Ich habe es nie bereut.

        Auch nach 24 Jahren ist es für mich immer noch ein besonderes Erlebnis den Kickstarter auszuklappen und den Motor anzuprügeln. Seit ein paar Jahren auch wieder mit den original Conti-Rohren. Dieses wirklich böse Rasseln, Zischen und Dröhnen ist absolut einzigartig und flößt mir Respekt ein. Und wenn dann nach etwa 10 Kilometern das Öl die richtige Viskosität und ich zum ersten Mal über die 4000 Umdrehungen gehen kann, ist das wirklich fast wie ein Orgasmus. Sämtliche Sinne werden bedient. Der wahnsinnige Lärm, der Geruch nach heißem Öl und die lustigen Flammen, die bei den Fehlzündungen aus dem Vergaser schlagen, sind ein wahres Fest.

        Ich bin im Laufe der Jahre schon auf vielen Motorrädern gesessen. Viele waren wesentlich bequemer. Einige auch schneller. Fast alle waren zuverlässiger. Wenige hatten ein besseres Fahrverhalten aber an das Gefühl reichte keine heran.

        Und natürlich ist die alte Dame in Fahrt eine absolute Sensation. (Soviel posing darf noch sein.) Im Stehen darf ich mir jedoch so einiges anhören. Jüngere Leute mit ihren Joghurtbechern haben oft nur ein mitleidiges Grinsen auf dem Gesicht, wenn sie das alte Geraffel sehen und Oldtimerfreaks sind empört über das Aussehen, denn sie wurde äußerlich nie restauriert. Man sieht ihr das Alter an.

        Ich weiß nicht, wie oft ich im Laufe der Jahre den Motor an langen Winterabenden zerlegt habe, aber mir geht es da wie dir. Manchmal beschleicht mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor den Ingenieuren und ihren Ideen.

        Als ich hierher zog, sah ich, dass ein Nachbar ebenfalls eine Ducati besitzt. Eine wasweiss dennichmonsterschlagmichtot. Auf jeden Fall eine moderne mit mehr als hundert PS. Einmal lud er mich ein, mit ihm eine Tour zu machen. Unterwegs tauschten wir für ein paar Kilometer und ich musste diese fette Henne fahren. Ein Motorrad wie andere auch. Keine Ducati mehr. Mein Nachbar hat mich übrigens nie wieder gefragt, ob er fahren dürfe. 🙂

        PS: Ich wollte dir übrigens nicht deinen Thread versauen.

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  7. FF schreibt:

    „Das Posen mit Renommiermarken überlasse ich anderen“ – sympathischer Satz, sollte man umgehend in Granit meißeln.

    In aufmerksamer Erwartung der Schilderung diversester Reise-Impressionen, wenn möglich mit schönen Bilderchen (muß ja nicht gleich „in Öl“ sein),

    FF

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  8. Gauckler schreibt:

    Du bist und bleibst ein Spinner. Wessi halt.

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  9. pantoufle schreibt:

    @Thelonious
    Oh, die Duke ist also ein Findling, der zu großen Liebe mutierte (recht so!)… da haben wir was gemeinsam. Mein Stall ist mir auch immer irgendwie zugelaufen. Vor dem Verschrotten gerettet oder für eine handvoll Dollars Lösegeld. Die Liebe kam dann, wenn sie erst mal da rumstanden und man die ersten Versuche zur Mobilisierung unternommen hatte. Die Katana ist übrigens von dem Ex-BMW-Designer Hans Muth gezeichnet; den hatte Suzuki engagiert, nachdem er vermutlich seine Ideen in Bayern nicht losgeworden war. Streetfighter ab Werk: Heutzutage kann man fast nix mehr verkaufen, ohne bei diesem Design »Anleihen« zu machen. Toll aussehen tut sie; auf der Straße liegt sie wie ein totes Schwein schwimmt.

    Ich will ja auch gar nicht behaupten, daß es mir nicht in den Fingern juckt, wenn ich mal wieder eine Laverda Jota sehe – auch aus einer BMW 100 CS kann man mit etwas Eigeninitiative ein attraktives Fahrzeug gestalten (fangen wir mal mit einem dezenten mattschwarz aus der Dose an…). Aber um ehrlich zu sein: Ich hab mit all meinen Leichen im Keller schon genug zu tun; irgend wann wird es auch zu einem Platzproblem – von den Kosten einmal ganz zu schweigen. Und Geld gebe ich dafür eigentlich so gut wie keines aus.

    Heute jedenfalls fahre ich erst einmal wieder: In England mit seinen tollen Rennstrecken über die Dörfer. Zur Shuttleworth-Collection/Old Warden mit ganz vielen Umwegen. Dann wird es selbsterklärend, warum englische Bikes so gute Fahrwerke und viel Dampf aus dem Keller brauchen. Meine Dicke ist dafür eigentlich ein wenig zu schwer, aber was solls…

    Meinen Tread versauen? Aber nicht doch 🙂

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  10. Thelonious schreibt:

    Viel Spaß. Und über dicke S-Klassen wirst du sicher nicht so oft stolpern. Nur über ein paar ältere Jaguare, die im vollen Bewusstsein ihrer mehr als tausendjährige Geschichte aristokratisch um die Kurven eiern. 🙂

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