Der Geist Metternichs

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Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang

Endlich ein Zugunglück! Leider nur in Spanien. Hätte nicht irgend ein zugedröhnter Lokführer eine Gewaltbremsung im noch zu erstellenden Bahnhof21 (designierter Bahnhof 2022) machen können? Ein kurzer Kondolenzbesuch der in den Urlaub fliegenden Politiker am Bahnsteig und der NSA-Skandal wäre Geschichte.

Nein, es hat nicht sollen sein. Die Artikel über Snowden werden länger und deshalb wohl kaum noch gelesen, der Rechtsstaat mal wieder in Gefahr, während das Leben am Baggersee tobt. Metternich lächelt von seiner Wolke herab: Spielt nur, ihr lieben Kinderlein: Spielt nur! Seine verunglückte Karikatur, der jetzige Finanzminister Schäuble, unterbietet derweil selbst seinen Kollegen aus dem Ministerium für innere Befindlichkeiten mit dem süffisanten Hinweis, daß derjenige, der nichts zu verbergen hat… Man beginnt, den Satz zu glauben, da offenbar nur diejenigen, die tatsächlich nichts zu verbergen haben, sich in Sicherheit wiegen können. Aber wer könnte das sein? Die Suche nach einem neuen Heiligen.

Eine Zensur findet nicht statt; das übernehmen diejenigen, die nichts verbergen wollen. Die kollektive Selbstzensur einer narkotisierten Gesellschaft schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran. Die Enthistorisierten haben die alternativlosen Herrschaftsverhältnisse verinnerlicht.
Die Gedanken sind immerhin noch frei, die Guten. Ein wiedererstandene Rokoko der siebziger Jahre mit verbesserten hygienischen Verhältnissen wird abgelöst vom neuen Biedermeier. Kotzebue ist erstochen und liegt begraben unter den Trümmern der Twintowers.
Ein leises Stimmchen piepst: »Ja, aber das Grundgesetz«, worauf der Chor der Entscheidungsträger mit ernster Stimme erwidert: »Ja, das war eine Idee! Deswegen wurde es ja 1949 auch ausdrücklich „für eine Übergangszeit“ vorgesehen. Diese Zeit ist nun vorbei, eine neue angebrochen«.

Es wird abgelöst vom Supergrundrecht, dem ultimativen Angriff auf die Biographien. Ziel ist die Gesellschaft, die nichts zu verbergen hat. Das Individuum muß vor seinen eignen Gedanken geschützt werden, damit sich das kollektive Bewußtsein entwickeln kann. Das neue goldene Zeitalter ohne Kriege und Mißgunst, einer Ära, in der kein Preis zu hoch für die Freiheit ist. Der Götze Sicherheit, der uns unsere wahre Freiheit erst erkennen lässt. Der Feind ist erkannt: Es ist ein weltumspannendes Netz von Ideen, das dem irdischen Glück der heimischen Idylle, der guten Stube, dem willkommenen Rückzug ins Private entgegenstand. Die kleinen Freuden des Lebens, die gute Nachricht anstelle der garstig beunruhigenden.
Psst: Ganz leise! Niemand hört Dir zu, wenn Du nicht sprichst.

Metternich hätte seine Freude daran gehabt: Endlich nicht das Gefühl, gegen den Geist der Zeit anzukämpfen, sondern seine Speerspitze zu sein.

Friedrich Rückert: Die Welt ist schön

Die Welt ist schön, die Welt ist gut, gesehn als Ganzes
Der Schöpfung Frühlingspracht, das Heer des Sternentanzes.

Die Welt ist schön, ist gut, gesehn im einzelst Kleinen
Ein jedes Tröpfchen Tau kann Gottes Spiegel scheinen.

Nur wo du Einzelnes auf Einzelnes beziehst
Oh, wie vor lauter Streit du nicht den Frieden siehst.

Der Frieden ist im Kreis, im Mittelpunkt ist er.
Drum ist er überall, doch ihn zu sehn ist schwer.

Es ist die Eintracht, die sich aus der Zwietracht baut,
Wo mancher, vom Gerüst verwirrt, den Plan nicht schaut.

Drum denke, was dich stört, daß dich ein Schein betört
Und was du nicht begreifst, gewiß zum Plan gehört.

Such erst in dir den Streit zum Frieden auszugleichen
Versöhnend dann soweit du kannst umherzureichen.

Und wo die Kraft nicht reicht, da halte dich ans Ganze;
Im ewgen Liebesbund steht mit dir Stern und Pflanze.

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