Gedicht am Dienstag 3

Schon wieder kein politischer Dichter? Nun ja: Jedenfalls keiner, dem man es auf den ersten Blick ansieht. Auf den zweiten Blick auch nicht.

»Ich bin überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders, jedenfalls ruhiger verlaufen.«

Ob es das Gesicht war oder etwas anderes. Seine Nase ist sicher nur zum Bruchteil für einen Lebensweg verantwortlich, den man aus heutiger Sicht abenteuerlich nennen würde. Er wollte Seemann werden und wurde es neben angeblich 30 anderen Berufen. 29 waren es bestimmt, wahrscheinlich aber mehr. Ein Geschlagener des Kaiserreiches und der Weimarer Republik, einer von Millionen. Seine Berufung fand er 1909 in München in der Künstlerkneipe Simplicissimus. Als Dichter machte er dort die Bekanntschaft mit Max Reinhard, Ludwig Thoma, Wedekind, Mühsam, Roda Roda und anderen Größen der Münchener Szene.

Warum ich ihn so liebe? Er war kein Revolutionär. Mit der November-Revolution sympathisierte er nur, bis man ihn zwingen wollte, seine Reserve-Offiziersmütze abzunehmen. Die hatte er sich mühselig als Mariner im Krieg – in den er mit Hurra gezogen war – verdient und wollte sie nun partout nicht absetzen. Dann sollten sie eben Revolution ohne ihn machen.
Ein François Villon der Zeit zwischen den großen Kriegen, zwischen dem Unrat, der Kriegsgeneration und dem Hunger. Und Joachim Ringelnatz immer mittendrin. Keine Dichterstube im Obergeschoß, aber Seemannskneipe. Nichts zu beißen, aber eine Buddel im Schrank. Und damit wird er dann doch noch zu einem politischen Dichter – nur ohne jede Attitüde und Partei. Ringelnatz ist die Partei. Er ist Wilhelm Busch näher als Erich Mühsam, Zille näher als Brecht. Er ist am Volk, ist Volk.
Ein ganz großer, armer Mensch: Joachim Ringelnatz, der Seemann.

Der Theaterkritiker Friedrich Luft hat ihn einmal treffend beschrieben:

»Die Leistung seines gelebten Lebens war eigentlich größer als sein schmales Dichtwerk. Ihm gelang, was so wenigen Poeten gelingt: Er hat es verstanden, seine ganze Existenz durchweg zu stilisieren. Die Sicherheit und heimliche Melancholie, mit der er die torkelnde Poetengestalt erst schuf und dann konsequent selbst lebte, ist bei dieser erstaunlichen Erscheinung gewiss das Erstaunlichste.«

Die Lumpensammlerin

Hält sie den Kopf gesenkt wie ein Ziegenbock,
Ihre Gemüsenase,
Ihr spitzer Höcker, ihr gestückelter Rock
Haben die gleiche farblose Drecksymphonie
Der Straße.
Mimikry.

Selbständig krabbeln ihre knöchernen Hände
Die Gosse entlang zwischen Kehricht und Schlamm,
Finden Billette, Nadeln und Horngegenstände,
Noch einen Knopf und auch einen Kamm.

Über Speichel und Rotz zittern die Finger;
Hundekötel werden wie Pferdedünger
Sachlich beiseitegeschoben.
Lumpen, Kork, Papier und Metall werden aufgehoben,
Stetig – stopf – in den Sack geschoben.

Der Sack stinkt aus seinem verbuchteten Leib.
Er hat viel spitzere Höcker.
Er ist noch ziegenböcker
Als jenes arg mürbe Weib.

Schlürfend, schweigsam schleppt sie, schleift sie die Bürde.
Wenn sie jemals niesen würde,
Was wegen Verstopfung bisher nie geschah,
Würde die gute Alte zerstäuben
Wie gepusteter Paprika. –

Und was würde übrigbleiben?
Eine Schnalle von ihrem Rock,
Sieben Stecknadeln, ein Berlock,
Vergoldet oder vernickelt.
Vielleicht auch: Vielmals eingewickelt
Und zwischen zwei fettigen Pappen:
Fünfzig gültige, saubere blaue Lappen.

Irgendwo würde ein Stall erbrochen,
Fände man sortiert, gestapelt, gebündelt, umschnürt
Lumpen, Stanniol, Strumpfenbänder und Knochen.

Was hat die Hexe für ein Leben geführt?
Vielleicht hat sie Lateinisch gesprochen.
Vielleicht hat einst eine Zofe sie manikürt.
Vielleicht ist sie vor tausend Jahren als Spulwurm
Durch das Gedärm eines Marsbewohners gekrochen.

Joachim Ringelnatz

Ein Strolch sieht spielende Kinder

Die kleinen Kinder sind so groß.
Sie umarmen sonnigen Sand.
Mir geben sie einfach einen Stoß
Und greifen nach einer Frauenhand.
Sie jauchzen ohne Scham und Verstand
Nackt in eines Fräuleins Schoß.

Soll ich sie nach dem Wege fragen,
Weil ich mich nicht an Erwachsne getrau.
Sie wissen mir doch nichts zu sagen,
Zeigen mir nur ein fremdes Geschau,
Wie – Seehunde unter Menschen verschlagen.

Die Kinder sind so groß. Ich bin klein.
Sie sind so sauber; ich bin ein Schwein.
Ich suche Arbeit und Geld und Bett.
Sie wollen nur ins Freie.

Wenn ich Kinder – oder eine Mutter hätt‘ –

Wie sie es schreien, ihr Ringelreihe!
Wer möchte ihnen das Spiel verderben.
Aber doch: Jetzt – so – müßten sie sterben.

Joachim Ringelnatz

Nacht ohne Dach

Nacht ohne Dach. – Nacht mit Lichtern. –
Café-Garten am Rande der Stadt, –
Wo jeder Gegenstand die Seele von Dichtern
Oder versöhnende Hilflosigkeit hat.

Und Menschen kommen und gehen.
Und es lügt ein Getu und Getön.
Aber Tischtücherzipfel wehen,
Und das ist schön!

Und dann ist auch schön: ein Paar
Verliebter Jugend. –
Nacht ohne Dach …
Erinnerung, rufe nicht wach,
Wie schlimm eine Nacht ohne Dach
Einst für mich war.

Joachim Ringelnatz

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Eine Antwort zu Gedicht am Dienstag 3

  1. piet schreibt:

    Na, so schmal ist das Werk gar nicht. Meine Ausgabe hier umfasst immerhin 805 Seiten GEDICHTE ! Ich hätte gern mit Ringelnatz ein paar Tränchen ins Getränk geweint.

    Draußen schneit’s

    Wir hatten ein Schaukelpferd vorher gekauft.
    Aber nachher kam gar kein Kind.
    Darum hatten wir damals das Pferd dann Bubi getauft. –

    Weil nun die Holzpreise so unerschwinglich sind;
    Und ich nun doch schon seit Donnerstag
    Nicht mehr angestellt bin, weil ich nicht mehr mag;
    Haben wir’s eingeteilt. Und zwar:
    Die Schaukel selbst für November,
    Kopf und Beine Dezember,
    Rumpf mit Sattel für Januar.

    Ich gehe nie wieder in die Fabrik.
    Ich habe das Regelmäßige dick.
    Da geht das Künstlerische darüber abhanden.
    Wenn die auch jede Woche bezahlen,
    Aber nur immer Girlanden und wieder Girlanden
    Auf Spucknäpfe malen,
    Die sich die Leute doch nie begucken,
    Im Gegenteil noch drauf spucken, – –
    Das bringt ja ein Pferd auf den Hund.

    Als freier Künstler kann ich bis mittags liegen
    Bleiben. – Na und die Frau ist gesund.
    Es wird sich schon was finden, um Geld beizukriegen.
    Anna und ich haben vorläufig nun
    Erst mal genug mit dem Bubi zu tun.
    Rumpf zersägen, Beine rausdrehn,
    Nägel rausreißen, Fell abschälen.
    Darüber können Wochen vergehn.
    Das will auch gelernt und verstanden sein,
    Sonst kann man sich daran zu Tode quälen.
    Solches Holz ist härter als Stein.
    Dann spalten und Späne zum Anzünden schneiden
    Und tausenderlei.
    Aber das tut uns gut, uns beiden,
    Sich mal so körperlich auszuschwitzen.

    Außerdem kann man ja dabei
    Ganz bequem auf dem Sofa sitzen;
    Raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee,
    Und vor allem: Man ist eben frei!
    Man hat sein eigenes Atelier.
    Man hat seinen eigenen Herd;
    Da wird ein Feuerchen angemacht –
    Mit Bubipferd –,
    Daß die Esse kracht.
    Und die Anna singt und die Anna lacht.

    Da können wir nach Belieben
    Die Arbeit auf später verschieben.
    Denn wenn man das Gas uns sperren läßt
    Oder kein Bier ohne Bargeld mehr gibt,
    Dann kriechen wir gleich nach Mittag ins Nest
    Und schlafen, solange es uns beliebt.

    Freilich: Der feste Lohn fällt nun fort,
    Aber die Freiheit ist auch was wert.
    Und das mit dem Schaukelpferd
    Ist jetzt unser Wintersport.

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