Aus den Memoiren eines Hausmeisters

Liebes Tagebuch. Mitteilung:

Abbruch einer mehrtägigen Bergwanderung nach 7 Stunden.

Ich war also gestern auf 2349 m, dort weit droben, wo irgendwann eine Hütte stand, nunmehr verlassen, weil abgerissen – eine knappe Stunde vor dem Ziel und die neue Hütte schon lange auf Sichtweite – dann musste ich gezwunden durch die Naturgewalten umkehren. Das kam so:

04:45 Tagwache. Alter Soldat, der ich bin, wecke ich mich jeden Morgen mit dem Klang der Trompete. Das Instrument befindet sich am Fußende meines Bettes, verbunden mit einem Blasebalg für Gummiboote genügt ein beherzter Tritt – ich erwache.
Vaterland: Magst ruhig weiterschlafen!

06:00 Abfahrt

08:15 Ankunft im Tessin. Die brave V-6, 3,6l Oberklasse von Skoda gleitet über die gut gefegten Straßen (es hat noch wenig Verkehr auf den Autobahnen, Gotthardtunnel ohne Stau). Es fällt schwer, sich an die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zu halten, wenn der Berg ruft.
Ausfahrt nur noch 5 km! Sofort reduziere ich die Geschwindigkeit, um die Abfahrt mit kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit zu erreichen. 1950 Höhenmeter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist merklich dünner geworden, was einen spürbaren Abfall der Motorleistung mit sich bringt. Armer Skoda. Auch ich bemerke eine gewisse Schlaffheit, greife auf den Beifahrersitz, wo die Maske der Sauerstoffflasche liegt. Parkieren.

10:30 2/3 der Strecke geschafft, wunderschönes Wetter, überall quellt’s und gurgelt’s, Tausende von Bächlein – ach, was sag ich: Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Deppenapostrophen! Reizvolles Tessin. Badeurlaub und Bergwandern Hand in Hand. Zwischen den Bächlein blinken einzelne Schneefelder. Zeit, die alpintaugliche Sonnenbrille aufzusetzen.
Eine kleinere Rast bei der oberen, zerfallenen Alp: Einer meiner Lieblingsplätze. Habe dort im Holzhäuschen auch schon übernachtet (ca. 2200 m hoch).

10:37 2215m Höhe. Der Wind beginnt trotz Sonnenscheins kalt zu pfeifen. Kaum ein sicherer Tritt zwischen all den Bächen und den Schneefeldern. Habe mich in den Klettergurt gezwängt. Weil ohne Bergkammeraden, hängt am anderen Ende des Seils 25m hinter mir ein großer Stein, den ich hinterherschleife. Das ist zwar beschwerlich beim Aufstieg, bremst aber den Fall, sollte sich eine Spalte auftun. Gletscher am Horizont schon sichtbar.

10:57 2230m Gedankenverloren klimpere ich mit den Karabinerhaken, die ich malerisch an meinem Gurt drapiert habe. 35 Stück sollten für diesen kurzen Ausflug reichen. Durch das Fernglas (ein gutes, altes Zeiss) kann ich in der Ferne schon einen Felsen erblicken. Versuche es mit einem Jodler. Dö dudl dö: Zweites Futur bei Sonnenaufgang.

10:59 2231m Die Karabiner sind doch irgendwie schwer. Der Grillon verheddert sich immer zwischen den Beinen. Binde die Schnürsenkel der robusten Bergschuhe (eine Erbstück des Großneffen meines Onkels) fester.

11:03 Suche nach einem kleineren Stein für das Seil.

11:07 Passenden Stein gefunden. Drücke den Hut mit dem Gamsbart fest – so geht es sich doch gleich leichter. 2234 Höhenmeter.

11:08 2236 m. Stein verhakt sich. Steige ab auf 2234m. Überlege, ob ich das Seil vorläufig wieder einrolle. Entscheide positiv.

11:10 Die Edelried–Edelstahlkarabiner sind sicherheitstechnisch das Nonplusultra. Mit ca. 180g pro Stück auch gar nicht so schwer. Sie blinken und glitzern mit den Scheefeldern um die Wette.

11:12 2237m. Petzl-Karabiner wiegen 30g. Blinken aber nicht so. Gut, daß ich die Sauerstofflasche mitgenommen habe.

11:13 2238m. Grillon verhakt sich schon wieder – ich fliege voll auf die Fr… .Der Berg flucht.

11:14 2239m. Hurra! Der Lift.

11:30 Ich stehe auf 2349 m, also dort wo die frühere Hütte stand und traue mich nicht mehr weiter. Die Schneemassen sind gewaltig. Mehrere Meter hoch, wie bei einem Gletscher. Aber das warme Wetter hat die Oberfläche derart aufgeweicht, dass man oft so tief einsinkt, daß die Schuhsohlen im ewigen Schnee verschwinden. Von weiß-rot-weiß-rot-weiß gekennzeichneten Bergwanderwegemarkierungen ist schon lange nichts mehr zu sehen, überall Schneemassen, Schnee, wohin man auch sieht. Man muss einen eigenen Weg über den Schnee wählen.
Neben mir sind erste Spalten sichtbar, aus denen lustige Eidechsen huschen.
Das Fahrtenmesser mit Maßstab zeigt: 6cm! Wenn sich dort der feste Bergschuh verhakt! Dann ist es aus…
Nehme den Feldstecher (den guten, alten Zeiss) und sehe mich furchtsam um. Schnee, soweit das Auge reicht! Halte den Feldstecher anders herum. Immer noch Schnee. Entdecke, daß bei dem schrecklichen Sturz vorhin Wasser in den guten, alten Zeiss lief. Alles beschlagen. Aber trotzdem viel Schnee.
Die Stellen, wo der Schnee durch Schneelawinengeschiebe zusammen getürmt wurden, sind noch lockerer und komplett unpassierbar. Der Unterschied zu halbwegs tragfähigen Stellen sind schwer bis überhaupt nicht zu erkennen. Bis zu 10m hohe Schneewehen, an einigen Stellen sogar noch höher.
Ich entschließe mich schweren Herzens umzukehren. Das Gewicht der Sauerstoffflasche, der Karabiner, der zwei 100m Seile, des Rucksackes mit Zelt, Nahrungskonserven für eine Woche, DVD-Player, Primuskocher, Motorsäge und Wuschelie, dem Schlafbären ziehen mich unaufhaltsam bergab.

11:38 Bin wieder auf 2239m. Schade, daß der Lift nicht weiter ins Tal reicht, besinne mich aber meiner Schwerkraft und gleite bergab.

12:00 Ich ruhe mich aus, esse und liege an der Sonne neben tauendem Schnee, Schmetterlinge flattern ungeordnet und ohne Konzept, Murmeltiere peifen darauf. Denke an das bestandene Abenteuer und die gemeisterten Gefahren. Beschließe, in Zukunft nur noch SPD zu wählen. Ein letztes Gebet an den höchsten und Morpheus Hammer trifft mich.

15:00 Abstieg. Ich begegne etwa 15 Jugendlichen und zwei Erwachsenen mit teilweise ungeeignetem Schuhwerk (weichen, hohe Turnschuhe). Dem Leiter erkläre ich den Grund meiner Umkehr, was ihn jedoch nicht beeindruckt. Er meinte, sie hätten ja einen Bergführer dabei. Ich entschließe mich, die Gruppe noch ein Stück zu begleiten und rede in dieser Zeit eindringlich auf den Leiter dieser verantwortungslosen Anarchisten ein. Erst als der Bergführer seinen Eispickel vom Gürtel schnallt und die Jugendlichen Steine vom Boden aufheben, beschließe ich, meinen Abstieg fortzusetzen.

17:15 Ankunft im Tal. Im Gastraum der kleinen Hütte, in die ich einkehre, entledige ich mich erst einmal lautstark meiner Ausrüstung. Ein Blick in den Spiegel: Einer der Steine traf mich an der Stirn. Tut zwar höllisch weh, sieht aber abenteuerlich aus. Beschließe, ungewaschen an die Bar zu gehen. Sage kein Wort. Das beeindruckt sie sicherlich. Einer der Gäste lacht. Aber offensichtlich nicht über mich. Irgend was über ein abgeschlepptes Auto. Angeblich ein Skoda .
Sehe aus dem Fenster.
Frage den Wirt nach einem Taxi zum Bahnhof.
Was für ein Tag, liebes Tagebuch!

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