Genau genommen gibt es nichts Überraschendes

Edward Snowden sollte zur Zeit den britischen Luftraum großräumig umfliegen. Luftreisen können ja so gefährlich sein, weswegen man kein Mineralwasser, Spazierstöcke oder Nagelknipser an Bord des Ferienfliegers bringen darf.
Was der Guardian heute Abend veröffentlicht hat, könnte für den Abschuß eines kleinen Flugzeuges¹ reichen. Wollte Snowden nicht gerade mit genau so etwas von China nach Island fliegen – wie gesagt: Nur mit großem Abstand zur Insel.

Dabei ist eigentlich gar nichts zu Tage getreten, was man nicht geahnt hätte – Überraschung: Die Engländer haben es ihren Vorbildern aus Übersee wie die meisten unseligen Entwicklungen nachgemacht und »Prism« noch etwas verbessert; sozusagen Prism für Erwachsene. Wie der Kollege fefe so gerne sagt: Wer konnte damit rechnen?
Niemand natürlich, außer natürliche denjenigen, für die das Internet kein Neuland ist. Man muß schon in den USA, Indien, Kanada, China, Nordkorea, Taiwan, Iran, Ägypten oder eben in Großbritannien wohnen, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, daß Nachrichten nicht mehr mittels Rauchzeichen, sondern durch dünne Glasfasern geschickt werden.

[Gleich am nächsten Tag eine Doku auf Phönix: Die Glasfaser ist tausend mal dünner als das menschliche Haar und deshalb brauchen wir das Leistungsschutzrecht. Hochtechnologie-Standort Deutschland]

Die Überraschung? Es ist keine. Ohne Anlass, richterliche Verfügung oder ähnliche Querelen speichert das Government Communications Headquarters (GCHQ) alles und jedes, das sich irgendwie oberhalb der Technologiehürde Rauchzeichen an Informationen verschicken lässt. An Umfang des Datenvolumens übertrifft es das US-amerikanische Gegenstück, beim Maß an Skrupellosigkeit liefert man sich ein Kopf an Kopf-Rennen. Ein Rennen, bei dem man die politischen Gegner, denen man diese Art der Überwachung immer vorwarf, schon lange abgehängt hat.  Man arbeitet mit dem amerikanischen Gegenstück zusammen. Natürlich hat das Projekt auch einen Namen (Tempora), der diesen Skandal benennen wird; man spricht von »Mastering the Internet« und »Global Telecoms Exploitation«. Sie haben sich viel vorgenommen und sind fest entschlossen, es zu tun.

Glasfaserleitungen werden angezapft, die involvierten Unternehmen zu Stillschweigen und zur Zusammenarbeit gezwungen.

»There’s an overarching condition of the licensing of the companies that they have to co-operate in this. Should they decline, we can compel them to do so. They have no choice.«

Sie müssen kooperieren – sie haben keine Wahl. Das Ausmaß der Überwachung des GCHC übersteigt jede Vorstellung, die dafür nötige kriminelle Energie scheint in den vereinigten Königreichen auf weit weniger Widerstand zu stoßen als in den USA.

»The Americans were given guidelines for its use, but were told in legal briefings by GCHQ lawyers: „We have a light oversight regime compared with the US«.

Die Begründungen für diese Totalüberwachung, die endlich einmal diesen Namen verdient, sind dieselben, wie sie jedes totalitäre Regime oder Bananrepublik aus dem Zylinder zaubert:

»The criteria are security, terror, organised crime. And economic well-being. There’s an auditing process to go back through the logs and see if it was justified or not. The vast majority of the data is discarded without being looked at … we simply don’t have the resources.«

Überflüssig zu erwähnen, daß man bereits grandiose Erfolge in der Verbrechensbekämpfung zu verzeichnen hat. Zwar schweigt man sich zur Zeit noch über Details aus, aber das wird sich die nächsten Tage sicherlich ändern. Auch das ist nicht neu: Wenn Algorithmen Täter jagen, bleibt immer irgend etwas im Netz. Das macht diese Technik so erfolgreich, wenn auch nicht in der Bekämpfung von Kriminalität. Erwähnte ich schon, daß man auch von Kinderpornographie spricht?

Bleibt noch etwas (unverschlüsselt) zu sagen? Wohl kaum. Glückliches Deutschland. Eine tumbe Kanzlerin faselt etwas von »Neuland« und ihr Bundesnachrichtendienst hat eine technische Ausstattung, die nicht einmal als Telephonzentrale an der Rezeption dieser Datenkraken reicht. Ein paar Ausschüsse über Rasterfahndung hier, Funkzellenabfrage dort auf einer Insel der Ahnungslosen. Waren sie wirklich so ahnungslos? Wahrscheinlich. Aus einem Virenbaukasten haben sie sich einen Bundestrojaner gebastelt. Süß.

Der Staat im Staate: Da ist er und das nicht in irgend einer Bananenrepublik oder einem sogenannten Regime, sondern mitten in Europa. Eine unkontrollierbare Macht, die keinerlei staatlichen Kontrolle unterliegt. Wer etwas anderes behauptet, lügt, denn dann wäre diese Maschine niemals in die Welt gesetzt worden.

»Meanwhile, technical work is ongoing to expand GCHQ’s capacity to ingest data from new super cables carrying data at 100 gigabits a second. As one training slide told new users: „You are in an enviable position – have fun and make the most of it.«

Edward Snowden sollte zur Zeit den britischen Luftraum großräumig umfliegen. Sie können die Maschine, in der er sitzt, abschießen und niemand würde es erfahren. Sie können jede Information darüber beliebig aufhalten, verändern oder ignorieren. In diesem Fall werden sie wohl Letzteres wählen. Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis es bekannt werden würde – nun ist es passiert und Snowden ist eigentlich schon die Zeitung von gestern.

Man hätte sie aufhalten müssen, als sie es planten. Jetzt ist es zu spät. Sie tun es bereits und ihre Auftraggeber werden dafür sorgen, das sie daran weiterarbeiten.
»You are in an enviable position – have fun and make the most of it.«

Noch einmal der Link zum Guardian. Ich habe das Gefühl, wir werden noch lange an ihn denken. Der Guardian, Friday 21 June 2013 17.23 BST

¹Gleich noch in diesem Zusammenhang: Obamas Krieg gegen Whistleblower »Insider Threat Program«. Link via Fefe

Netzpolitik.org

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