An fernen Gestaden

Da ist man mal ein paar Tage weg, hat eine Internetverbindung mit 9600 Baud pro Stunde und schon gehen die schönsten Meldungen an einem vorbei. Bitter!
So, so… Frau Merkel entdeckt also Neuland. Hat das jetzt jemanden gewundert? Preisgünstige Häme im Sommerloch. Den Nachsatz – besser Nachgestammel – fand ich mindestens so interessant: » [*stammel*] mit völlig neuen Möglichkeiten, unsere Lebensweise in Gefahr zu bringen…«. Da fragt man sich doch unwillkürlich, wessen Lebensweise sie damit meint. Die von Hartz IV-Empfängern, Migranten oder Opfern eines desolaten »Krankheitssystems«? Oder dachte sie an die potentielle Möglichkeit des Internets, eine Gegenöffentlichkeit zu den eigenen verlogenen Verlautbarungen schaffen; dann wäre es immerhin ein verstecktes Kompliment gewesen.

Mit »unsere Lebensweise« kann sie nur die eigene gemeint haben. Wie weit die mit der Lebensrealität des gemeinen Volkes übereinstimmt; nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch der des Selbstverständnisses, bleibt dahingestellt. Die Lebensweise der vordigitalen Echsen wie Bundesinnenminister H.P. Friedrich und H.P. Uhl hat wenigstens in der Wahrnehmung des Neulandes bewiesen, daß man an den Möglichkeiten interessiert ist. So war deren Reaktion über die Enthüllung von Prism eher ein »warum haben wir das nicht?«, nicht ein »ach, das gibt es auch.«

Es gäbe noch einiges dazu zu sagen – Flatter hat das in seinem Artikel Merkels Neureich bereits getan -; hört man sich aber die ganze Rede der Pressekonferenz an, so wundert es doch, daß man aus diesem Dahinplätschern der Gedankenlosigkeiten ausgerechnet dieser Satz destillierte. Jedes andere Fragment hatte das selbe Potential an Nichtigkeit. Wie schon gesagt: Wer ist tatsächlich überrascht?
Während es noch lacht und twittert, ist die Kanzlerin weitergezogen zu den reich gedeckten Tischen des 11. deutschen Weltbank-Forums. Auch dort eine Rede, auch dort frohe Gastlichkeit und das Gedenken an diejenigen, denen es leider nicht ganz so gut geht:

»Mir tun afrikanische Länder zum Teil fast ein bisschen leid, wenn ich mir überlege, wie viele Geber sie haben und wer alles auf sie einstürmt. Daher ist es gut, dass es Organisationen wie UNDP gibt, die manchmal für die Länder die Koordination übernehmen.«

Wem dabei der Bissen des festlichen Abendessens im Halse stecken bleibt, ist selber schuld. Sie meinte ja wohl hoffentlich nicht Mali. Und wie ein verspätetes Echo ihres Neuland-Ausrutschers:

»Wir haben an den tragischen Ereignissen in Bangladesch gesehen, dass es nicht akzeptabel ist, wenn es dramatisch schlechte Standards für Arbeitsbedingungen und für die Bezahlung gibt. Es ist ein Vorzug der neuen Medien, dass so etwas nicht mehr unbekannt bleibt, sondern hinterfragt wird.«

Der neuen Medien… da schau her. Aber Vorsicht: Die taugen genau so gut zum hinterfragen des Elends im eigenen Land.

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