Noch eine kurze Anmerkung

Im Text der Schrottpresse »Die erste Freiheit der Presse…« reagierte ich auf einen Artikel Jakob Augsteins, in dem er über die Einführung einer Paywall sinierte und nebenbei über sein Selbstverständnis als Journalist schrieb. In der darauf folgenden Diskussion zu dem Artikel (die 480 Kommentare stellen wohl einen neuen Rekord beim Freitag dar) wurde auf bemerkenswert hohem Niveau … nun – seinen wir ehrlich: Augsteins Standpunkt in der Luft zerrissen.

Das Thema aber, das Augstein anriss, ist damit natürlich nicht erledigt. Es gibt ein Zeitungssterben, es gibt die »Flucht« zu den digitalen Medien und natürlich das Problem, auf dieser Basis Geld zu verdienen. Und es gibt auch – hört! hört! – Augsteins postulierten Anspruch der Presse als 4. Säule der Demokratie. Nicht, daß dieser Anspruch irgendwo in eiserne Lettern gegossen wäre, aber als normative Kraft des Faktischen ist er nicht von der Hand zu weisen. Es stellt sich die Frage, wo und in welcher Form diese Kraft (noch) zum tragen kommt, in welcher Wirklichkeit dieser Anspruch erhoben wird.

Eine vollkommen unzusammenhängende Gedankensammlung:

Verkaufe eine Neuigkeit

Und mache es schnell. Das Publikum ist ungeduldig und möchte in erster Linie die eigene Meinung bestätigt wissen. An historischen Zusammenhängen ist kaum jemand mehr interessiert. Das waren die 60` und 70` Jahre, in denen man damit noch punkten konnte. Das Interesse daran hat allerdings massiv nachgelassen. Schwere Zeiten für den investigativen Journalismus, der nicht nur zeitaufwendig ist, sondern auch ein Verständnis genau dieser Zusammenhänge abverlangt. Daß er nebenbei ungleich kostenintensiver ist als das Kopieren einer Nachricht bei einer Agentur, steht auf einem weiteren Blatt. Bob Woodward und Carl Bernstein sind undenkbar geworden. Die Meute der Sensationsjäger ist weitergezogen, bevor die beiden auch nur die erste Seite aus der Schreibmaschine gezogen hätten.

Wissen hat unverzüglich abrufbar zu sein: Bohrer besonders dünner Bretter bevorzugen die Wikipedia, verwechseln das unter Umständen auch noch mit »Meinung«. Die weit verbreitete Instant-Ethik des Publikums verlangt nach schnellen Antworten, schnelle Urteile ohne ein Übermaß an Komplexität. Diese Moral äußert sich vorzugsweise in Empörung, nicht in Lösungsansätzen. Die Nachricht hat die Empörung zu befriedigen wie ein Schluck Wasser den Dürstenden und sich dann der nächsten Aufregung zu widmen. Ein Shitstorm dauert eine Woche – danach ist Vergessen. Es ist der Abgesang an das Archiv. Was nicht auf den Bildschirm eines Smartphones passt, ist keine Nachricht.

Die Urteile der Empörungsherde ist zuweilen brachial. Die Schnelligkeit läßt kein Abwägen zu, keine Meditation oder Besinnung. Das Wort »Neger« muß (nicht nur) aus den Kinderbüchern verschwinden? Mach es schnell! Ganz gleich, wieviele Leichen dabei auf der Strecke bleiben. Die Brutalität des Urteils bedarf keiner Argumente, es reicht das stillschweigende Übereinkommen, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Rolle des Journalismus wird dabei kläglich: Wen sollte er befriedigen wenn nicht den Zeitgeist? Wer anfängt nachzudenken, hat verloren. Die Karawane ist weitergezogen.

Rendite bestimmt das Produkt

Das Zeitungssterben ist kein Produkt des Internets. Es begann schon früher und wird absehbar auch nicht enden. Die Kultur, einen Gewinn zu erzielen, wird dafür sorgen. Das Wort »Nullwachstum« hat einen moralischen Stellenwert wie »Gewalt gegen Tiere«. Also muß Gewinn erwirtschaftet werden. Wunderbarerweise funktioniert das bei der Trashkultur des Springerverlages erheblich besser als bei Publikationen, die sich verzweifelt an altruistische Vorgaben orientieren, dem, was Augstein als 4. Macht bezeichnet.

Die »Suche nach neuen Geschäftsmodellen« entpuppt sich in der Regel als ausschließliche Suche nach Profiten – man versucht lieber Google anzuzapfen als die Rolle als die Geschäftsfelder des Journalismus einer Analyse ohne Scheuklappen zu unterziehen. Journalisten werden entlassen, wenn die Rendite nicht mehr stimmt oder das Produkt wird gleich ganz vom Markt genommen. Die Zeiten, wo Verleger zu Milliardären wurden, sind vorbei – die Zeiten, wo ein Verleger nur auf ein einziges Produkt setzt, sind es nicht. Schreibt dieses Produkt rote Zahlen, gibt es keine Möglichkeiten der Querfinanzierung. Wegen eines jährlichen Defizites von 21 Millionen € wurde die Financial Times Deutschland eingestellt – das überarbeitete Studio der Tagesschau verschlang mehr als 23 Millionen €. Eine Zwangsabgabe machte es möglich.

Warum – nur unter der Vorraumsetzung, daß ein öffentliches Interesse an dieser 4. Macht besteht – gibt es eigentlich keine gemeinnützigen Nachrichtenagenturen oder Journalistenbüros (lies: Zeitungen)? Von staatlicher Seite ist das Desinteresse an unabhängiger Berichterstattung sicherlich einer der Gründe, aber warum nicht eine unabhängige Redaktion unter den Segeln einer gemeinnützigen Stiftung? Der § 52 der Abgabenordnung ließe es zu:
Ziffer 5: »die Förderung von Kunst und Kultur«,
Ziffer 7:»die Förderung der Erziehung, Volks- und Berufsbildung einschließlich der Studentenhilfe«
Ziffer 13: »die Förderung internationaler Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völkerverständigungsgedankens«

Lieber lebt man vom Verkauf des Tafelsilbers als sich in Frage zu stellen, ergo übersteigt die Werbebeilage der täglichen Frühstückszeitung das Blatt sowohl in Umfang wie wahrgenommener Information.

Zwischen Schülerzeitung und Qualitätsjournalismus

»In einer Welt, in der man sich ausrechnen kann, welche Institutionen von der Atomisierung des öffentlichen Diskurses am meisten profitieren würden, wo Schattennetzwerke in einer Welt angeblicher Transparenz, wie Manuel Castells gezeigt hat, schneller wachsen als je zuvor, ist die entscheidende Frage: Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben? Jetzt, wo sich leider auch immer mehr Journalisten ihre sozialen Prognosen vom Silicon Valley und der Wall Street schreiben lassen, riskieren wir eine ganz einfache und ebenso gelassene Vorhersage: gar nicht.«

Frank Schirrmacher

Man nimmt zunehmend diejenigen unter die Fittiche, die man für diese Atomisierung verantwortlich macht. Kaum ein Magazin mehr, daß nicht mittels einer Blogfunktion versucht, seine (schreibenden) Leser einzubinden, wenn es sie nicht gleich wie Der Freitag zum Bestandteil seines Konzeptes macht. Besonders »gelungene« Beiträge werden dann auch veröffentlicht, freilich ohne die Autoren adäquat zu entlohnen. Das Schicksal der freien Mitarbeiter.
Die Arroganz wird auf beiden Seiten gepflegt. Man hält sich in beiden Lagern für unersetzlich und das mit gewissem Recht. Die Meinungsbildung ist abgewandert in die sozialen Netzwerke und Blogs. Letztlich geht es im Überlebenskampf des Qualitätsjournalismus auch darum, sie aus diesem – nach eigenem Verständnis – Ghetto zu befreien. In vergleichbarem Maße wie diese postulierte Qualität aufgrund der Marktsituation aber abnimmt, steigt diese auf Seiten der ungeliebten Außenseiter. Die Soligruppe JG.Stadtmitte bietet einen Live-Ticker über den Prozess gegen den antifaschistischen Pfarrer Lothar König in Dresden. Die FAZ immerhin einen über die Formel 1. Gesellschaftliche Relevanz?

Der sogenannte Qualitätsjournalismus ist dort, wo er denn überhaupt noch anzutreffen ist, unersetzlich. Eine Twittermeldung schlägt ihn nicht in Relevanz, aber in Aufmerksamkeit. Das Diktat des Jetzt entscheidet über die Schlagzeile der Zeitung des nächsten Tages. Überrasche deine Leser? Womit, fragt man sich angesichts der Unfallgefahr, die von den autistisch auf ihre Smartphones starrenden Verkehrsteilnehmern ausgeht.

»Ach so, und noch ein Wort zu den Bloggern. Was ist die Aufgabe der Blogger? Sie führen die demokratische Bürgerdebatte, in aller Öffentlichkeit. So wie wir es hier gerade machen. Das ist exemplarisch, weil die Positionen verhandelt werden. […] Die Journalisten sollen die Mächtigen kontrollieren und die Blogger sollen die Journalisten kontrollieren. Das macht Sinn.«

Jakob Augstein

Aber pfuscht uns ja nicht ins Handwerk.

Wer sich verändert, kommt darin um

Auf meinem Frühstückstisch liegt die Tageszeitung von vorgestern. Ein Produkt der WAZ-Gruppe, dessen größtes Verdienst darin besteht, die Müllrechnung für Altpapier in die Höhe zu treiben. Es ist eine Tradition, den Anblick von Marmelade und der Kaffeetasse hinter einem Schwall von Papier verschwinden zu lassen. Man kann auf alles verzichten außer auf eine liebgewonnene Gewohnheit.
»Was Facebook kann, können wir schon lange«. Seit einiger Zeit wird vermehrt auf die Mitarbeit des Publikums vertraut. Themen und Beiträge rekrutieren sich zunehmend aus der mehr oder weniger begabten Mitarbeit der Leser. Meist weniger begabt. Dafür aber umso  mehr. Volkes Stimme, wie sie ungeschminkter nicht sein kann. Daß sich beim Lesen zunehmend der Verdacht breitmacht, man würde einer bestimmten Meinung den Vorzug geben würde, liegt sicher nur in meiner misstrauischen Psyche begründet.

Das Blatt ist sozusagen recycelt. Vom Abonnenten, der dafür eine bemerkenswerte Summe bezahlt, am Tage danach auf meinem Tisch (der für die Müllrechnung zeichnet). Von der Lachhaftigkeit der redaktionellen Beträge erschüttert, erfährt der Netzbürger die Schlagzeilen der letzten Woche. Die DPA oder Reuters-Meldung aus dritter Hand. Besonders gruselig wird es, wenn einer der Macher selbst Hand anlegt: Lernunfähigkeit in Zeiten der weltweiten Krisen, Rezepte der 50` Jahre und das Nachfaseln von Politikeraussagen mit geradezu religiöser Inbrunst.
Merke: Eine interessante Kleinanzeige unter »Biete/Tausche« ist auch noch nach 2 Tagen aktuell.

Das Sterben der Tageszeitungen geht weiter.

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2 Antworten zu Noch eine kurze Anmerkung

  1. Pingback: Mobnews | Lumières dans la nuit

  2. »Honi soit qui mal y pense.« schreibt:

    Das Sterben der Tageszeitungen geht weiter. Nur die Tageszeitungen?

    In meinem heutigen Yemek Sepeti zur freien Lektüre oder auch nicht:

    ERT (Greek state tv-radio) is dead: A blacklisted person’s lament

    A few hours ago, the Greek government announced that state television and radio channels would be silenced at midnight. No public debate, no debate in Parliament, no warning. Nothing. ERT, the Greek version of the BBC, will simply fold its tent and steal into the night. As probably the only Greek commentator to have been blacklisted by ERT over the past two years, I feel I have the moral authority to cry out against ERT’s passing. To shout from the rooftops that its murder by our troika-led government is a crime against public media that all civilised people, the world over, should rise up against.

    http://yanisvaroufakis.eu/2013/06/11/ert-greek-state-tv-radio-is-dead-a-blacklisted-persons-lament/

    Da hat man sich aber höllisch in die Hosen geschissen vor einem türkischen TV-Rateshow Moderater, und aus lauter Panik ähnliches könnte in Griechenland passieren, kurzer Hand mal gleich den gesamten staatlichen Rundfunk abgeschaltet.
    Und was für ein Rührstück der Heuchelei und Verlogenheit mit der man diese Zensur auch noch begründet:
    „Es gibt keine heiligen Kühe, wenn alle Griechen Opfer bringen müssen.“

    Ich bin jetzt mal der Schelm der „Böses“ denkt und ausnahmsweise SPON verlinkt:
    (Warnung: Mit Material von dpa)

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sparbemuehungen-griechenland-schaltet-staatlichen-rundfunk-ab-a-905170.html

    Bitte vergleichen! Danke!
    M.v.G. & zigandere

    p.s
    Standart-Zusatz:
    Der auf dieser Seite abgegebene Kommentar ist Volksmund und beansprucht keinerlei Eigentums- geschweige denn Verwertungsrechte und wird freundlicher Weise
    zur freien Verfügung an jeden Passanten abgegeben.
    Zigandere würden sich über eine Verwendung an anderer Stelle freuen – abhängig von Deiner freiwilligen Zustimmung.
    Eine Missachtung dieser Willensäußerung interpretiere ich als Feigheit vor meinen informationellen Selbstbestimmungsrechten. ;~)

    [ist leider wegen der vielen Links in der Passkontrolle hängengeblieben: Sorry! Der Säzzer]

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