Auf dem Nachttisch III

_DSC1861

Na, daß ich diesen Brief noch einmal wiederfinde! Ein Liebesbrief von J. Geschrieben vor 25 Jahren, vor einem Vierteljahrhundert. J. war rotblond, Pfarrerstochter und … hm… sehr leidenschaftlich. Ach: Und von M. habe ich auch noch einen! Das war – lass mich mal überlegen – vor mindestens, wenn nicht noch 2 Jahre später.

Damals war Pantouflen jung und begehrte gerne, wurde manchmal wiederbegehrt und wenn man 30 Jahre später aufräumt – vor allem die Kartons, die schon mindestens zwei Umzüge ungeöffnet blieben, dann findet sich Einiges, was das Herz leise und zärtlich schlagen lässt. Neben den Postkarten und Briefen sind die Photos und Zettelchen, die dem Papierkorb entgingen; M. kritzelte irgend wann ein Bild von mir auf einen Zettel. Das Bildchen blieb und das liegt nun vor mir auf dem Tisch. Das liegt es zusammen auf dem Tisch mit einem alten Mietvertrag. Am 23.8.84 unterschrieben. A. und ich und zogen zusammen in eine recht geräumige Wohnung, 240 ,- DM Kaltmiete.
Ein großer Karton ist das, einer von vielen, die ich in den letzten Tagen bewegt habe und aus diesem ist sogar einiges auf dem Nachttisch gelandet. Wie bin ich nur an all diese alten Zeitungen geraten? Aber nun liegen sie hier und so wollen wir einmal etwas blättern

Die besten Wasser-Closetts offeriert die Firma W.&R. Goebel in Leibzig. , Jacobstrasse No.1. Vertreter für Deutschland, Oesterreich und Schweiz.
Das schönste an alten Zeitungen ist immer wieder die Werbung oder auch »Propaganda«, wie man es nannte. Aber deswegen wurde die »Deutsche Klempner Zeitung, das Centralorgan für die gesammte Blechindustrie« vom 4.März 1892 sicher nicht vorrangig erstanden. Die Schlagzeile in dieser Ausgabe war die Auflösung der freien Innungen – für andere mag die technische Mitheilung über übelriechende Berliner Schornsteine beim Gebrauch von Braunkohlebriketts wichtiger gewesen sein.
Vor 2 Jahren ist Fürst Bismarck von Wilhelm II entlassen worden; vor der Tür laufen die Kinder in Matrosenuniform herum und spielen Imperialismus, jenes Spiel, das nun jeder in Deutschland spielt, spielen kann, denn Deutschland strebt Weltgeltung an. Und was das genau ist, bestimmt Kaiser Wilhelm. Das ist Rüstungsindustrie, die Armee, die Chemie; das sind die neuerworbenen Kolonien, dieses undeutscheste aller Spielzeuge, mit denen sich das so junge Deutsche Reich schmückt. Das Reich ist ja erst 21 Jahre alt und so benimmt es sich auch: Wie der Bummel-Student einer schlagenden Verbindung. Aber immerhin mit Wasser-Closett.

_DSC1869

Es geht vorwärts: Der Fortschritt ist ein Ungeheurer, was das Anzeigen-Blättchen » Der Auto-Markt, Pössneck i. Thüringen« vom 2. Juni 1914 zeigt. Neben Opel und Mercedes gibt es Automobile von Onyx, Phänobil, Sperber, Loreley oder Darracq. Und das sind längst nicht alle: Die Menge der Hersteller kann sich beinahe mit der heutiger Tage messen, wenn auch die Stückzahlen der Produktion geringer sein mögen. Der Gebrauch von Astbest-Bremsbelägen ist noch ein Qualitätsmerkmal und unter »sonstige Verkäufe« besteht die Möglichkeit, einen Aviatic-Doppeldecker gegen einen Motorwagen, vorzugsweise der Firma »Opel«, zu tauschen.
Der Automobil-Beobachtungsspiegel OKAHA ist mit mehreren Reichs- und Auslandspatenten geschützt und die letzte Neuheit. An den Rahmen der Frontscheibe angebracht, ermöglicht er die Beobachtung dessen, was hinter einem liegt. Das sollte nicht nur der Chauffeur, sondern ein jeder im Deutschen Reich tun, denn die Tage dieses Reiches sind so gut gezählt. Es ist ein ungewöhnlich heißer Sommer, der Kaiser macht Urlaub wie alle anderen, die es sich leisten können. Wer sich jetzt Aufgrund der vielen Anzeigen eine Automobil oder Motorrad gekauft hat, tut gut daran, die paar Tage zu nutzen, die ihm in Frieden bleiben. Am 28. des gleichen Monats fallen die tödlichen Schüsse in Sarajewo, die Mobilmachung folgt am 2. August. Man sagt, es wäre ein sehr schöner Sommer gewesen – der Winter, der nun für mehr als vier Jahre auf dem Land liegen sollte, wurde um so schrecklicher.

Man führte Krieg, um zu siegen – nicht um den Frieden zu erringen und verlor beides. Im Regal stehen die schmalen, roten Bänder. Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und die Millionen der anderen kämpfen, um endlich diesen Frieden zu erringen. Vergeblich, wie bekannt.

EXTRABLATT

Das Extrablatt des Tagesspiegels Berlin vom Dienstag, dem ersten Oktober 1946. Tod durch Erhängen: Göring, Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner, Rodenberg, Frick, Frank, Streicher, Saukel, Jodl, Bormann, Seyß-Inquart. Dann folgen die Urteile im Detail. Auf der Rückseite folgt ein zusammenfassender Bericht von Sonderberichterstatter Arno Kretschmer.
Die Alliierten saßen zusammen Gericht über die Verbrechen der Deutschen, die es ihnen so leicht gemacht hatten, sie zu verurteilen. Eigenartigerweise dachte ich in meiner Jugend bei »Nürnberger Prozess« immer an die Verhandlung des Volksgerichtshofes, bei dem Roland Freisler den Widerständler Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin bei der Verhandlung niederschrie. »Ich dachte an die vielen Morde«. Da stand der tapfere Graf von Schwerin, aufrecht, den sicheren Tod vor Augen: »Ich dachte an die vielen Morde«. Deswegen hat er es getan, hat sich geweigert, diese Untiere gewähren zu lassen, hat sich gewehrt. »Ich dachte an die vielen Morde« und dann fallen in Plötzensee die Fallbeile, dem Blutrausch eines Diktators und seiner willfährigen Clique ist Bahn bereitet. Schon wieder, immer noch. Noch ein Jahr.
Im Berliner Extrablatt wurde kein Frühstücksbrot eingewickelt, es wurde nicht benutzt, um ein Feuer im Ofen zu entfachen. Es bleib irgendwo liegen, lag vielleicht in einem Buch, einem Koffer und fand viel, viel später seinen Weg zu mir auf meinen Nachttisch.

_DSC1866

Da liegt dieser Fetzen Papier mit seiner so fernen Botschaft jetzt neben einem Brief, den M. mir schickte. Aus Spanien und mit kleinen, roten Herzchen verziert. Die schöne, geschwungene Schrift einer jungen Frau. Sie starb vor 23 Jahren an Krebs. Ich habe sie sehr geliebt. Meine älteste Tochter ist nach ihr benannt.
Was ist das, dieser Frieden? Dieser scheinbare Frieden, in dem wir leben dürfen – der hoffentlich auch meinen Kinder erhalten bleibt. Was ist das für ein Geschenk, daß sich unter den Bildern, die sich ebenfalls in der Kiste fanden – sie zeigen mich, alte Bilder – keines war, auf dem ich eine Uniform trug. »Vater auf Fronturlaub« bevor er nicht wiederkam, gefallen in den Ardennen. Ist die Abwesenheit von Krieg schon Frieden?

Ein kleines Stückwerk Geschichte. Gedruckt auf gelblichen Papier, die Schrift ist immer noch stark und scharf. Bleidruck. »Keine Kraftanstrengung! Athlet, die beste Garagenpumpe der Welt. Verdrängt die Pressluft!« und all das für bescheidene M. 45,-. Telephon 227, Berlin Weissensee. Anruf zwecklos: Das Fräulein vom Amt ist in Rente.

Was wohl aus der Anzeige mit dem Aviatic-Doppeldecker wurde?

_DSC1857

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Auf dem Nachttisch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Auf dem Nachttisch III

  1. Schwarzes_Einhorn schreibt:

    Ich mußte lächeln – diese Papiersammlung kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Nun gut, bei mir sind andere, jüngere Sachen drin, zum Beispiel ein Kaufvertrag über ein Pferd, das heute 28 Jahre alt ist (Mitleidskauf). Eine Werbeanzeige mit einem Pferd und einem Einhorn (some have it, some have it not), Eine Werbeanzeige zum dreißigsten Geburtstag des VW Passat (das erste Auto). Ein Gedicht, das mir jemand geschrieben hat, Postkarten. Aber es finden sich auch die Berichtshefte meines Vaters aus seiner Lehrzeit in den 50ern (Automechaniker) und seine Urkunden aus der späteren Polizeiausbildung. Heute wäre er in Rente, wenn er noch leben würde.

    Es war noch mehr, aber ich hab vieles weggeworfen, Manchmal tut es mir leid.

    Gefällt mir

  2. pantouflep schreibt:

    Entschuldige erst mal: Aus irgend einem Grunde bist DU in der Moderation gelandet. Ich habe keine Ahnung, warum.
    Um eines klarzustellen: Die Anzeige mit dem Flugzeug stammt NICHT aus meiner Jugendzeit. Echt nicht!!
    Mit dem Wegwerfen sollte man immer vorsichtig sein. Wenn es nicht gerade ein Sofa ist – Papier kann man eigentlich recht gut verstauen. Ich habe eine gewisse Vorliebe für so alten Krempel – man träumt sich so schön weg, wenn man will.
    Und jetzt sehe ich erst mal in den Einstellungen nach, wo das hakt.

    Pferd
    Mitleidskauf
    Große Köpfe
    beißen, treten, runterfallen
    teuer
    sehr teuer
    schmackhaft
    allerdings nicht nach 28 Jahren
    hornförmiger Auswuchs auf der Stirn?

    Gefällt mir

    • Schwarzes_Einhorn schreibt:

      Oh… Ich hatte schon gedacht, ich hätte Dich verärgert. Jedenfalls habe ich nach der Lektüre auch mal meine Blätter- und Papiersammlung wieder zur Hand genommen. Was für Sachen da drin sind…

      Thema Pferd – mag ich derzeit nicht mehr hören/lesen/wissen. Witzigerweise hatte ich die Befürchtung seit Jahrzehnten, daher gibts bei mir kein Fertigessen mit Fleisch drin – und nun hab ich auch noch recht! Da soll mir nochmal einer sagen, ich wäre paranoid…

      Aber das nur nebenbei. In den Apokryphen werde ich bestimmt öfters lesen, das ist zum Teil schönstes Kopfkino. Macht mir vielleicht Lust, auch wieder mal zu schreiben.

      Gefällt mir

  3. pantoufle schreibt:

    Aber nicht doch – warum sollte ich sauer sein? Nein, manchmal bleibt das im FIlter hängen und weil ich nicht täglich reinsehe (mea culpa) bist Du hängengeblieben. Keine Absicht!
    Siehst Du… dann blätter Du mal schön in Deinen Papieren und nichts wegschmeißen.
    Lieben Gruß
    das Pantoufle

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s