Gruß nach Vorne

Kurt Tucholsky schrieb 1926 in der Weltbühne etwas, das er Gruß nach Vorne benannte. Ich habe Lust, darauf zu antworten.

Also erst einmal Kurt Tucholsky:

Lieber Leser 1985

Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek, findest die ›Mona Lisa‹, stutzt und liest. Guten Tag.

Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem damaligen sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz anders … Ich setze dreimal an: jedesmal mit einem andern Thema, man muß doch in Berührung kommen … Jedesmal muß ich es wieder aufgeben – wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bißchen über den Zeitpegel … da, ich wußte es: du lächelst mich aus.

Alles an mir erscheint dir altmodisch: meine Art, zu schreiben und meine Grammatik und meine Haltung … ah, klopf mir nicht auf die Schulter, das habe ich nicht gerne. Vergeblich will ich dir sagen, wie wir es gehabt haben, und wie es gewesen ist … nichts. Du lächelst, ohnmächtig hallt meine Stimme aus der Vergangenheit, und du weißt alles besser. Soll ich dir erzählen, was die Leute in meinem Zeitdorf bewegt? Genf? Shaw-Premiere? Thomas Mann? Das Fernsehen? Eine Stahlinsel im Ozean als Halteplatz für die Flugzeuge? Du bläst auf alles, und der Staub fliegt meterhoch, du kannst gar nichts erkennen vor lauter Staub.

Soll ich dir Schmeicheleien sagen? Ich kann es nicht. Selbstverständlich habt ihr die Frage: ›Völkerbund oder Paneuropa?‹ nicht gelöst; Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen. Selbstverständlich habt ihr fürs tägliche Leben dreihundert nichtige Maschinen mehr als wir, und im übrigen seid ihr genau so dumm, genau so klug, genau so wie wir. Was von uns ist geblieben? Wühle nicht in deinem Gedächtnis nach, in dem, was du in der Schule gelernt hast. Geblieben ist, was zufällig blieb; was so neutral war, dass es hinüberkam; was wirklich groß ist, davon ungefähr die Hälfte, und um die kümmert sich kein Mensch – nur am Sonntagvormittag ein bißchen, im Museum. Es ist so, wie wenn ich heute mit einem Mann aus dem Dreißigjährigen Krieg reden sollte. »Ja? gehts gut? Bei der Belagerung Magdeburgs hat es wohl sehr gezogen … ?« und was man so sagt.

Ich kann nicht einmal über die Köpfe meiner Zeitgenossen hinweg ein erhabenes Gespräch mit dir führen, so nach der Melodie: wir beide verstehen uns schon, denn du bist ein Fortgeschrittener, gleich mir. Ach, mein Lieber: auch du bist ein Zeitgenosse. Höchstens, wenn ich ›Bismarck‹ sage und du dich erst erinnern mußt, wer das gewesen ist, grinse ich schon heute vor mich hin: du kannst dir gar nicht denken, wie stolz die Leute um mich herum auf dessen Unsterblichkeit sind … Na, lassen wir das. Außerdem wirst du jetzt frühstücken gehen wollen.

Guten Tag. Dies Papier ist schon ganz gelb geworden, gelb wie die Zähne unsrer Landrichter, da, jetzt zerbröckelt dir das Blatt unter den Fingern … nun, es ist auch schon so alt. Geh mit Gott, oder wie ihr das Ding dann nennt. Wir haben uns wohl nicht allzuviel mitzuteilen, wir Mittelmäßigen. Wir sind zerlebt, unser Inhalt ist mit uns dahingegangen. Die Form war alles.

Ja, die Hand will ich dir noch geben. Wegen Anstand.

Und jetzt gehst du.

Aber das rufe ich dir noch nach: Besser seid ihr auch nicht als wir und die vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine –

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 06.04.1926, Nr. 14, S. 555,

Sehr verehrter Kurt Tucholsky

Die Mona Lisa war kein Zufall – ich suchte danach. Nach ihr genau wie nach so vielem aus Ihrer Feder. Und Ihr Anzug? Ach, wissen Sie: Der Eine trägt seinen Anzug, der Andere wird von ihm getragen. Damals wie heute und meist notdürftig. Zu denen gehören Sie nicht. Aber das wissen Sie ja selber.
1926 bis 1985. Das klingt nach einer langen Zeit; seien Sie bitte großzügig und erlauben mir, Ihnen von meinem gar nicht erhabenen Standpunkt des Jahres 2012 zu antworten. Es macht keinen großen Unterschied; die »Post« änderte ihren Namen in »Telecom«… das wäre in groben Zügen die Differenz.

Da wäre als erstes meine Befangenheit Ihnen gegenüber. Ich weiß nichts besser – es ist viel schlimmer: Ich weiß, wie es mit Ihnen und Ihren Zeitgenossen weiterging. Eine billige Cassandra, geboren aus der Gnade der späten Geburt. Ich sehe Ihr Schicksal und das Ihrer persönlichen Existenz und das Deutschlands, dem guten Teil; den anständigen und ehrlichen. Dieses Schicksal ist so entsetzlich, das es mit graut, ihnen davon berichten zu müssen. Über dieses Thema kommen wir nicht nur in Berührung – es schweißt unsere individuellen Existenzen auf alle Zeiten zusammen. Es ist der Grund, warum der Jüngere den Älteren immer wieder sucht, weil er es sich alleine nicht erklären kann, wie der Mensch zu so einer furchtbaren Bestie wurde.

Genug.

Unser technischer Fortschritt? Wenn man es ganz genau betrachtet, so werden Sie nur wenige Dinge entdecken, die es zu Ihrer Zeit noch nicht gab oder die gerade erst entdeckt werden.
Mit Raketen in den Weltraum? Die gibt es in Ihrer Zeit schon; wenigstens erste Ideen und die Basteleien einiger scheinbar verrückter Phantasten. Konstantin E. Ziolkowski, Herrmann Oberth, Robert Goddard werden Recht behalten. Das frisch Neugeborene Ihrer Zeit ist erwachsen geworden, wenn auch nicht weise.

Einen schönen Gruß an die Forscher der kleinsten Dinge. Otto Hahn, Lise Meitner, Albert Einstein, Heisenberg und wie all die Koryphäen Ihrer Zeit heißen: Ja, man kann das Atom spalten, sollte es aber bleiben lassen. Der Schaden über steigt den überschaubaren Nutzen bei Weitem. Aber was sind schon Warnungen.

Was gibt es wirklich Neues? Mir fallen eigentlich nur drei Dinge ein, die Ihnen vollkommen fremd, zu Ihrer Zeit nicht bekannt sind.

Fangen wir mit den Besseren an: Das Penicillin ist entdeckt worden, die Antibiotika. Jetzt lassen sich endlich die Krankheiten bekämpfen, bei denen die Ärzte Ihrer Zeit nur trösten konnten. Damit einher gibt es wirkliche Fortschritte in der Hygiene, die selbst dem einfachen Proletarier zugute kommen. Sagte ich Proletarier? Lassen Sie uns später darauf zurückkommen.

Neu hinzugekommen ist ein Material, ein Stoff, der diese Welt beherrscht. Man nennt es Plastik oder auch – etwas feiner, wenn auch phantasielos – Kunststoff. Sie haben im täglichen Gebrauch Vor – und Nachteile. Zu ihren Nachteilen gehört ihre vollkommene Seelenlosigkeit, ihre Neutralität – das Unvermögen des Werkstoffes , unsere Sinne zu berühren. Um den Umgang damit zu erleichtern, erfand man Worte wie »haptik«, was für die Eigenschaft steht, mit diesem Abfallprodukt der Erdölforderung ein Erzeugnis zu fertigen, das sich wie ein natürlicher Gegenstand anfassen lässt.

Als dritte Erfindung gäbe es die elektrischen Eigenschaften eines Metalls namens Silizium, das es, ähnlich einer Radioröhre ermöglicht, mit sehr kleinen Steuerströmen einen großen Fluss von Elektronen zu steuern – eine Art elektrisches Wasserventil. Das klingt erst einmal recht unspektakulär, hat aber in letzter Konsequenz enorme Auswirkungen auf die Menschheit gehabt. Erfunden wurde es zunächst, um die Vakuumröhre zu ersetzen; als dieses Element der Elektronik aber so klein und der Energieverbrauch so unfassbar niedrig wurde wie er jetzt ist, konnten damit Maschinen gebaut werden, die wenigstens zu einem kleinen Teil zum Segen der Menschen eingesetzt werden und nebenbei das soziale Gefüge umkrempeln.

Wenn der Fortschritt auf technischen Errungenschaften beschränkt wäre: Mit was für einer einfachen Welt hätten wir es zu tun. Natürlich haben Sie recht: Wir haben mindestens dreihundert nichtige Maschinen mehr, die uns die großen Fabriken dieser Welt verkaufen wollen. Dreihundert Maschinen, die uns an jede Nichtigkeit erinnern oder sie gleich für uns erledigen sollen; mit dem Ergebnis, daß wir uns nicht mehr die einfachste Telephonnummer merken können oder auch nur den Namen des Nachbarn. Bei den über die Jahre hinzugekommenen Gewalttaten steht das Delikt »Gleichgültigkeit« an erster Stelle.

Die Unsterblichkeit Bismarcks? Sie ist kein Merkmal Ihrer Zeit; es sind ein paar große Ganoven hinzugekommen, aus denen man versucht, eine Kontinuität zu basteln. Ihr Beispiel mit dem dreißigjährigen Krieg fehlt… es ist übrigens so etwas wie Paneuropa geworden. So etwas ähnliches.

Wir könnten Sie und Ihre Mitstreiter des Blättchens gut gebrauchen: Es gibt keine »Weltbühne« mehr; nichts, was dem auch nur nahekommt. Der Bedarf ist da, jetzt mehr denn je. Ein paar Zeitungen haben in der neu entstandenen Republik versucht, die Tradition wieder aufzunehmen, scheiterten aber kläglich. Nun ist die Zeit des Boulevard und der Mietfedern. Mehr noch: Das Selbstbewusstsein der Redaktionen ist so weit gesunken, daß einige unter den liberaleren Blättern nicht davor zurückschrecken, sich im Hinterhof ein Faschistenferkel zu halten, deren rotziges Gegrunze eine handvoll Leser mehr bringen soll. Wer fragt noch nach Sauberkeit und Tendenz? Die Forderung unserer Zeit lautet: Leistungsloses Grundeinkommen für Verleger. Sie wundern sich, Herr Tucholsky? Damit stehen Sie nicht alleine.
Die Zeit zwischen den Skandale und Sensationen hat sich enorm verringert, die Zeitungen werden nur noch zum geringen Teil auf Papier gedruckt – der Rest auf so etwas ähnlichem wie einem Fernseher. Papier konnte man sich aufheben und nachlesen und sei es noch so vergilbt. Nun wird vorzugsweise vergessen. Erst die Ereignisse, dann die Zusammenhänge.

Das kommt all denjenigen sehr entgegen, die behaupten, die Zeiten seien so kompliziert geworden, daß es keine einfachen Antworten mehr gäbe. Die Antworten, die dennoch gegeben werden, sind allerdings meist von kindlicher Naivität.

»Soll ich dir erzählen, was die Leute in meinem Zeitdorf bewegt? Genf? Shaw-Premiere? Thomas Mann? Das Fernsehen? Eine Stahlinsel im Ozean als Halteplatz für die Flugzeuge?«

Genf heißt jetzt Brüssel, Thomas Mann Günther Grass. Bernhard Shaw musste Steven Spielberg weichen, ohne das jener ihn ersetzen konnte. Fernsehen? Ja, das gibt es immer noch. Die Bildschirme sind nun so flach wie die Inhalte.

Die liegengelassenen Fragen wurden mehrfach umbenannt – Sie hätten ihre helle Freude an den Versuchen der Sprachverdreher, der Worthülsenwerfer, die Dinge umzudeuten. Zuerst haben es die Nazis völkisch vorgemacht – heutzutage hält sich die herrschende Klasse Worterfinder, Sinnverdreher, Meister verkleisterter Adjektive.
Können Sie sich etwas unter einem »Benutzererlebnis« oder einer »alternativloser Entscheidung« vorstellen? Nein? Das ist gut: Die meisten von uns auch nicht.

Die klassenlose Gesellschaft ist immer noch Trauma der Besitzenden; man hat konsequent auf zwei Klassen reduziert. Die unanständig Reichen und den Rest. Der Kaste der Besitzlosen – wenn Sie wollen: Der Besitzarmen – verhält sich nicht viel anders als zu Ihrer Zeit. Nur, das es keine KPD mehr gibt, die für die Interessen der Arbeiter eintritt. Eine Nachfolgepartei gibt es in Anfängen. Zu einem Thählmann hat es nicht bisher gereicht – aber da sind einige unter ihnen, die noch wissen, wer das war.
Ach ja: Die SPD gibt es auch noch. Auch hier keinerlei Veränderung. Man hat sich das „SPD“ als Handelsmarke eintragen lassen, damit es niemand anderer mit seinem ursprünglichen Sinn erfüllt. Im übrigen machen die Genossen das, was sie immer schon taten: Verraten.

Die Versuchung ist groß, Ihnen etwas über den Versuch eines Arbeiter – und Bauernstaates zu erzählen. Ein ganz trauriges Kapitel, aber nicht ohne humoristische Momente.
Nein, ich lasse das – machen Sie sich selbst ein Bild. Und schreiben Sie doch bitte einmal über die soziale Lage in den ländlichen Gebieten. Das habe ich immer vermisst. Gerade dort hat sich vieles zum Guten gewendet, gab es wirklich einen Sprung vorwärts.

Wenn Sie es wünschen, gehe ich jetzt. Verzeihung – einen Moment… ich habe noch ein Bitte an Sie: Würden Sie es mir gestatten, eine Rubrik, die Sie einst in der Weltbühne begannen, weiterzuführen? Es ist wieder an der Zeit. Welche? Ach so, ja: die »Wochenschau des Rückschritts«.
Ja, die Nazis. Und andere.
Ich darf? Da danke ich aber vielmals dafür.
Dann will ich jetzt auch gehen – ich wollte nicht stören. Darf ich Ihnen meine Hand zum Abschied reichen? Aus Respekt und Liebe. Dann bin ich auch verschwunden

Aber ich werde immer wieder auf Sie zurückkommen.

P.S. Ich schrieb: Wir könnten Sie und Ihre Mitstreiter des Blättchens gut gebrauchen. Das Wort »wir« ist diskussionswürdig… ein handvoll, wenn es denn soviel sind.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter ungefragte Antworten abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Gruß nach Vorne

  1. Der Emil schreibt:

    Kurz: Mindestens zwei, die ihn und seine Mitstreier wollen/wünschen … Brauchen bräuchten ihn fast Alle!

    Gefällt mir

  2. pantoufle schreibt:

    Moin, Emil… man verzeihe dem Autor den Pessimismus. Seit Tagen regnet es. Zeit zum Schreiben habe ich auch wenig – das wird bis Dezember so bleiben.
    Aber immerhin hast Du es gelesen. Das ist auch was Feines 🙂
    eine Gute Zeit
    wünscht
    das Pantoufle

    Gefällt mir

  3. Charlie schreibt:

    Vielen Dank für diese wunderbare Replik an Tucholsky. Es gäbe sicherlich noch eine Menge mehr zu sagen, aber das kannst Du ja alles in den noch kommenden Folgen unterbringen – bitte mehr davon! 🙂

    Gefällt mir

  4. role schreibt:

    Sehr schön.

    Gefällt mir

  5. chartlaie schreibt:

    etwas verspätet: Danke!

    Gefällt mir

  6. anne schreibt:

    lieber pantoufle, herrlich zu lesen, was Dir in regnerischen Nächten zu unserer Zeit einfällt. Tucholsky würde sich freuen. Danke!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s