Mach es groß

Sport in der Schrottpresse? Nö! Keine Chance. Die Mischung zwischen Synchronschwimmen und Bogenschießen würde meine Gnade finden… Wer die meisten Schwimmer trifft, gewinnt, aber solange die das nicht machen – keinen Sport.

Auch Eröffnungsfeiern von olympischen Spielen sind nicht meine Passion. Trotzdem sehe ich sie mir immer wieder an. Es kommt systembedingt nicht so häufig vor, interessiert mich aber aus vor allem aus beruflichen Gründen. Eine gute Show ist eine gute Show – egal, wer sie macht.
London: War eine gute Show. Mit der Meinung befinde ich mich zwar in der Mitte des Mainstream, muß es an dieser Stelle aber trotzdem loswerden. Verglichen mit Peking und ihrem Charme einer russischen Militärparade zum Jahrestag der Revolution war die Show sogar sensationell.

Zum Ablauf

Ganz wichtig: Die Übertragung des ZDF wurde ganz schnell abgewählt. Tagesschau.de bot einen unkommentierten Livestream an. Hat das ZDF eigentlich niemanden, der schon mal in England war? Oder der englischen Sprache mächtig ist? Warum übergibt man das Mikro nicht gleich an Oliver Pocher? Un…fucking…fassbar.

Viecher in der Arena, Schornsteine (sehr gelungen: Steampunk wie er leibt und lebt) und viel, viel Popmusik. Ein wenig zuviel: Spätestens bei „the Who“ und „my Generation“ habe ich mich schon gefragt, was Pete Townsend und die Band dazu gesagt hätten (von den Sex Pistols ganz zu schweigen), wenn man ihre Songs für so eine Veranstaltung verwurstet.Da waren die Arctic Monkeys schon passender: Die Generation von Musikern, bei denen Urheberechtsfragen wichtiger sind als der Inhalt… Warum singen die jetzt „come together“ von den Beatles? Ach ja, deswegen: Die Antwort folgt auf dem Fuß, als Sir Paul McCartney die Bühne betritt. McCartney ist nicht nur an diesem Abend etwas aphon, sondern überhaupt Baujahr 1942. „Hey Jude“ mit brüchiger Stimme, Fremdschämen für den Berufsjugendlichen.
Überflüssig zu erwähnen, das der Genuss des Auftritts der Arctic Monkeys in unserem Land leider verboten ist – tut uns echt leid. Warum hat die Gema das eigentlich nicht gleich bei der Live-Übertragung gemacht? Das Youtubesperrlogo hätte der Show ein interessantes Stück Zeitgeist hinzugefügt.

Bond, James Bond. Daniel Craig holt die Queen mit dem Hubschrauber ab. Der springt jetzt aber nicht in das Gewirr von Kabeln, Motoren, Leitungen, PA – und Lichtsystemen, das wie ein Fliegengitter über dem Stadion hängt? Schade eigentlich: Das wäre ein Stunt gewesen; eine 95 prozentige Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Überhaupt Licht, Video und Ton. Man sieht an Technik nur das, was unvermeidlich ist. Die LineArrays sind wunderschön sauber geflogen, die Amps dahinter gleich mit: Das freut das Auge desjenigen, der weiß, wieviel organisatorische Arbeit dahintersteckt – von der körperlichen, mehrere Kilometer Verstrippung funktionierend zu verlegen einmal abgesehen. Dienende Technik – nicht als Selbstzweck; das haben die beteiligten Firmen ausgezeichnet hinbekommen. Hochachtung und Glückwunsch an dieser Stelle und die Hoffnung, daß es beim Abbau nicht regnet. Von der Security, die den Jungs und Mädels den Aufbau zur Hölle gemacht haben wird, ist dann mit Sicherheit nichts mehr zu sehen. (Ich habe das vor geraumer Zeit einmal aufgrund persönlicher Erfahrungen beschrieben – wen es interessiert: Link )

Überhaupt Sicherheit: Daß die britischen Streitkräfte das größte Truppenkontingent seit der Invasion in der Normandie zur Abschreckung aller Terroristen der Welt in London versammelt haben, hat sich herumgesprochen. Als kleines Dankeschön durften die verschiedenen Waffengattungen diverse Flaggen an Stangen in die Luft ziehen; eine Aufgabe, die sie im Stechschritt und mit viel Gebrüll ausgezeichnet bewältigten. Da wäre noch Platz für Rowan Atkinson, aka Mr. Bean, gewesen, der seinen Auftritt bei Sir Simon Rattle und den London Symphonics hatte. Loriot fing bei einer solchen Gelegenheit Fliegen, Mr. Bean träumte von olympischem Ruhm. Jedem Land seinen eigenen Humor. Ich fand`s witzig, die Militärpräsenz weniger.

Einmarsch der Gladiatoren

Das dauert lang, länger – na ja, die Welt ist groß und hat unterschiedlich begabte Modedesigner. Den Bodensatz davon hatte diesmal die deutsche Mannschaft erwischt. Die armen Schweine. Mein aufrichtig empfundenes Beileid zu diesen Kreationen.

Nur noch ein paar langweilig-pathetische Reden überstehen (… nie war ich stolzer, ein <Nation nach Belieben einzutragen> zu sein, riecht in jeder Sprache muffig…) und dann wird das Feuer endlich angezündet. Die Queen eröffnet übellaunig routiniert und zum guten Schluss ein Feuerwerk der Extraklasse. Auch hier wieder ein lobendes Wort an die Streitkräfte, daß die Boden-Luftraketen am Boden blieben und nicht übermütigerweise den Flieger der zufrieden heimkehrenden Sponsoren von McDonalds, General Electric, British Telecom und VISA abschossen.

Obwohl…. bei Lichte betrachtet?

Persönlicher Höhepunkt der Show für die Redaktion der Schrottpresse? Der Auftritt der kranken Schwestern und des Pflegepersonals mit hunderten von beleuchteten Bettdecken. Lang lebe der NHS (National Health Service). Worum es dabei ging, haben weder das Pantoufle noch der Redaktionkampfhund verstanden. Es schwebte einfach so schön an jedem Sinn vorbei. England eben.

Ludi incipiant

P.S. Für die kleine, radikale Minderheit, die es interessiert: Der Ton (sollten meine Informationen stimmen) waren pro Position 10 Martin Audio W8LM mit 4 W8LMD als Downfill + 4 WSX. Prozessoren die Martin-Eigenen DX2. Eine gute Wahl – nicht nur aus akkustischen Gründen. Da die Belastbarkeit der gesammten Hängekonstruktion des Stadions bei nur 27t lag (hart am Rande zu Nichtvorhanden), wird auch das niedrige Gewicht von nur 29kg brutto eines Kabinets eine Rolle gespielt haben. Sah toll aus, soll sehr gut geklungen haben. Auffallend war jedenfalls, das der Übertragungston praktisch gar nicht unter Sekundärschall litt.
Was mich interessieren würde, ist, warum dann nicht das MLA verwendet wurde. Wenn man schon so wenig Punktlast hat, wäre das einfacher zu handhaben gewesen und man hätte sich die Bastelei mit den Downs sparen können. Aber man steckt ja nicht drin – vielleicht gab es einfach noch nicht genug davon – das System ist ja sehr neu.

P.P.S. Meinem Artikel fehlt etwas, was aber im Aftonbladet aus Schweden stand. Ich möchte das an dieser Stelle zitieren:

„Die Teile zur Geschichte aber waren mutig, wie man es in der Olympia-Geschichte noch nicht erlebt hat. Ein einziger falscher Ton hätte den Weltrekord an falschem, geschmacklosem Pathos gebracht. Aber er kam nicht.“

So, und weil es so ein schönes Thema ist, habe andere auch was lustiges dazu
geschrieben: The Running Copyright-Lawyers auf crackajack.de
Link via daMax

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2 Antworten zu Mach es groß

  1. Mrs. Mop schreibt:

    Toller Bericht, das Scharfzüngigste, was ich bisher über die Eröffnungsfeier gelesen habe, vielen Dank!

    Apropos und nur zur Ergänzung:
    „Verglichen mit Peking und ihrem Charme einer russischen Militärparade zum Jahrestag der Revolution war die Show sogar sensationell.“
    Das sieht der stockkonservative, schon bei Naziveranstaltungen gesichtete britische Tory Aidan Burley ganz anders. Der hat direkt nach der Show den olympiareifen bescheuert-rassistischen Tweet abgesondert:
    “The most leftie opening ceremony I have ever seen – more than Beijing, the capital of a communist state! Thank God the athletes have arrived! Now we can move on from leftie multi-cultural crap.”
    http://www.guardian.co.uk/politics/2012/jul/28/olympics-opening-ceremony-multicultural-crap-tory-mp?newsfeed=true
    Der Shitstorm folgte auf dem Fuße. Burley ruderte im Rekordtempo zurück und ist mittlerweile im – na? – hab-ich-doch-alles-gar-nicht-so-gemeint-Modus. Go for gold with that one;)

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  2. pantoufle schreibt:

    Ahhrrrrg: Das ist leider, leider an mir vorbeigegangen. Mist! Danke für den Hinweis …
    Ich hätte es in dem Beitrag aber auch nicht untergebracht. Wie der Guardian ja so schön schreibt: Pures Gift eventuell auch für den Premierminister – als Nachricht die Steilvorlage vor dem Herren, wenn`s um die Torys geht.
    Es wäre allerdings interessant zu wissen, wie dieser Heini den Einmarsch der Athleten überstanden hat. Aus den verschiedensten Kulturen kamen da ja nicht nur schneeweiße Hautfarben mit blondäugigen Mädels hereinspaziert – das muß der Marterpfahl für Burley gewesen sein.

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