Vollkommen überflüssiger Beitrag zum Thema Urheberrecht

Ich bin gelangweilt. Unter Anderem bin ich gelangweilt von einem Stefan Sasse, der mit großartiger Geste in seiner Analyse zur NRW-Wahl verkündet, daß viele mit diesem Ergebnis nicht gerechnet hätten … doch Stefan: Ich schon. Wenn ein Ex-Umweltminister kalauernderweise ein verlängertes Wochenende Wahlkampf übt, während sein Fahrer mit laufendem Motor vorm Parlament wartet, kann das, muß aber nicht zum Erfolg führen. Wie wir alle sehen – und die meisten wohl geahnt haben – ist es gründlich danebengeglückt.
Recht so!
Jetzt haben die Sozen die meisten Stimmen bekommen, weil Hannelore Kraft nicht Andrea Nahles, Sigmar Gabriel oder Steinmeier ist. Sonst hätte Norbert Röttgen doch noch gewonnen.
Wer allerdings glaubt, daß das irgend einen Unterschied gemacht hätte, darf weiterschlafen. Ein paar Millionen Euro später ist man genau da, wo man aufgehört hatte.

Was wollte ich sagen? Urheberrecht.

Die Präsidentin der Deutschen Filmakademie Iris Berben beliebte zu bemerken, daß ohne Urheberrecht im Kino das Licht ausgeht. Offensichtlich bin ich erheblich älter als diese Dame, da ich mich daran erinnern kann, daß in meiner Jugend immer vor dem Hauptfilm das Licht im Kino gelöscht wurde. Das hatte ganz praktische Gründe. Das Urheberrecht gab es damals übrigens auch schon. Es war interessanterweise exakt das gleiche wie heute.

Seit der Erfindung der Videokassette verzichtete ich auf das Kino. Am Sterben der kleinen Kinos trage ich also auch einen nicht unerheblichen Anteil – zusammen mit dem Erfinder des VHS-Standards. Daß in heutigen Zeiten das Licht im Kino nicht mehr gelöscht wird, ist rückstandslos an mir vorbeigegangen. Zwar ist die Logik nachvollziehbar, daß die Häscher der Filmkonzerne auf diese Weise besser sehen können, ob da jemand sein tragbares Telephon in die Luft hält, um mit den daraus gewonnen Dateien YouTube in Argumentationsschwierigkeiten zu bringen, aber ich bitte Sie, meine Herren! Es gibt doch Nachtsichtgeräte! Die sehen genau so dämlich aus wie die 3D-Brillen der übrigen Besucher und fallen von daher gar nicht weiter auf. Man muß mit der Zeit gehen. Wie ich schon sagte: Ich gehe nicht ins Kino.

Mit der Modernität hapert es. Iris Berben und ca. 6000 andere Menschen, die sich „die Urheber©“ nennen, unterschrieben einen inhaltlich etwas peinlichen Aufruf, der mit den Worten beginnt:

„Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit, und es garantiert die materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen.“

Mit diesem aufgeblasenen Schwachsinn versucht man den Spagat, sich auf der einen Seite als Avantgarde bürgerlicher Kultur darzustellen und sich gleichzeitig als lebendiges Schutzschild vor die feudalen neuzeitlichen Rechteverwerter zu stellen.
Als systemkonforme Pfosten der Gesellschaft verdienen die Unterzeichner die Note 1, wenn auch die Debatte „Urheber“ um einen weiteren Punkt auf der nach unten offenen Übelkeits-Skala abgerutscht ist.
 
Um es kurz zu machen: Dieser weitere Nebenschauplatz des Krieges „wie verhindere ich das 21. Jahrhundert“ interessierte mich nicht allzusehr. Ich hatte andere Probleme; unter anderem das, meine Familie zu ernähren. Wie es der Zufall so wollte, führte mich die Suche nach Arbeit vor einigen Monaten an ein Theater. Nicht an so eine kleine Klitsche, die mit Hängen und Würgen versucht, mit zweistelligen Zuschauerzahlen ihre 5 enthusiastischen Angestellten zu ernähren – nein, ein richtig großes. Staatlich und mit Etat, eine Geldverbrennungsmaschine der besonderen Art.
Der Theaterbetrieb ist neu für mich. Jemand, der wie ich im marktwirtschaftlich organisiertem Schaugewerbe groß geworden ist, muß schon heftig schlucken.

Erster Eindruck nach sehr kurzer Zeit: Wenn dieser Haufen den Kräften des freien Marktes ausgesetzt wäre, hätte er eine Halbwertszeit von einem Monat; vielleicht derer drei, bevor man die Hütte kommentarlos geschlossen hätte. Weil man es aber mit einer stattlichen Institution zu tun hat, wird nicht geschlossen, sondern fröhlich weiter dilletiert.

Ein Freund erzählte mir vor langer Zeit die Geschichte eines Geschäftsführers aus dem Bereich der Gastronomie, der – nachdem er die Putzfrau gefeuert hatte – den Laden lieber selbst feudelte. Diese Person, deren Monatsgehalt den fünfstelligen Bereich nur sehr knapp verfehlte, wurde aus naheliegenden Gründen ebenfalls dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt.
Ich hatte diese fragwürdige Geschichte immer für einen bestenfalls pittoresken Einzelfall gehalten, bis ich diese Institution kennenlernte. Das gibt es tatsächlich. Und schon gar nicht als Einzelfall.

Als Beispiel darf ein Detail meines Einstellungsgesprächs dienen. Es ging um die Funktion eines Tonmeisters auf einem namenhaften Festival von – ahem – sehr moderner Musik. Da man offensichtlich nicht begriff, was ich zuvor gemacht hatte, fragte einer der anwesenden „Entscheider“, ob ich vorher als DJ gearbeitet hätte. Nur einmal kurz zum mitschreiben: Diesen Job, für den einige Menschen ein jahrelanges Studium benötigen, hätte ich auch dann bekommen, wenn ich die Woche zuvor die aktuellen Hits in einer Dorfdisko aufgelegt hätte.
Nun bin ich der Meinung, daß man eine Arbeit wegen Erfahrung und Können und nicht durch ein Stück Papier bekommen soll, aber das … Man stelle sich vor: DJ! Da erhebt sich die Frage, was besagter „Entscheider“ für eine berufliche Laufbahn hinter sich hat.

Nota bene: Das Beispiel des besagten Geschäftsführers (der in Wirklichkeit natürlich eine dem Theater angepasste Funktion ausfüllte) fand sich beim folgenden Gastspiel auf der Ladefläche des LKW, wo er viel Unsinn anstellte. Dort, wo sein Einsatz sinnvoll gewesen wäre, war er dagegen nicht zu finden: Er hatte bereits die Rückreise angetreten.
Daraus, daß ich darüber hier berichte, darf gefolgert werden, daß ich den Job bekam.

Was hat das alles nun mit der Urheberrechtsdebatte zu tun? Auf den ersten Blick nichts, bis man sich vor Augen hält, wer an welcher Position wieviel Geld verdient. Das Ganze nennt sich Kulturbetrieb und wie bei jedem Betrieb stehen die einfachen Arbeiter am unteren Ende der Nahrungskette.
Das sind allerdings nicht, wie man vermuten sollte, die Bühnenarbeiter (schon gar nicht die Spezialisten unter ihnen), sondern die Schauspieler. Die bekommen ein Gehalt, was den Namen nicht verdient – es ist weniger als ein Almosen, es ist eine Frechheit sondergleichen. Genau hier darben unter anderem die Kreativen, von denen so viel die Rede ist. Sie werden gebraucht, um einen grotesken Wasserkopf von Verwaltung am Leben zu erhalten, was sie mit enormen Fleiß und Engagement tun. Bedroht in ihrer Existenz sind sie nicht durch „das Internet“.
Die 6000 Unterzeichner von „wir sind die Urheber“ haben sich für den Wasserkopf prostituiert. Nun gut: Das ist ihre Privatangelegenheit. Es stellt sich aber die Frage, für welche Kultur die Unterzeichner dabei stehen.

Wer hat eigentlich ein „handgemaltes“ Bild bei sich hängen? Der Ausdruck einer heruntergeladenen Datei taugt dafür nicht – genau so wenig, wie ich eine Theaterpremiere auf Youtube sehen kann oder will. Wieviel Kunden finden sich für ein ordentlich gemachtes Buch, in Bleisatz und auf gutem Papier? Wer kauft ein Möbel beim örtlichen Tischler statt bei Ikea – oder noch schlimmer: Fertigt es selber? Gibt es noch Menschen, die Hausmusik machen oder einen Straßenmusiker zum privaten Fest einladen?

Mit welchen Produkten und welchem Hintergrund versuchen die sogenannten „Kreativen“ ihren Unverzichtbarkeitsanspruch zu rechtfertigen? Jeder potentielle Kunde kann diese Frage für sich selber beantworten – die Antwort im besten Fall dem Kreativen mitteilen. Vielleicht stehen wir ja an einem Punkt, wo sich mancher der Kreativen eingestehen muß, daß er einfach nach Hause gehen und einer anderen Beschäftigung nachgehen sollte. Ein bösartiger Gedanke – in der Tat. Aber der Eindruck verstärkt sich, daß das Überangebot an Mittelmäßigkeit zur allgemeinen Ermüdung geführt hat – daß die Verwerter schon lange ohne marktfähige Produkte dastehen, die sie nur mit Gesetzeskraft gegen alle Vernunft vermarkten können. Das ihnen dabei politische Gründe in die Hand spielen, kommt strafverschärfend hinzu.

Vielleicht ist es Zeit für eine Marktbereinigung: Wenn es für eine Karriere als Schriftsteller nicht reicht, schreibe einen Blog (Pantoufle fängt schon mal an). Als der Berufswunsch „irgend was mit Medien“ ins Abseits führte: Wie wäre es mit Schreiner? Auch ein schöner Beruf! Oder – noch ketzerischer –  das, was man nun unbedingt glaubt machen zu müssen, nur aus Spass und unentgeldlich schafft.

Wenn die Fettaugen des Kulturbetriebes glauben, die Suppe, auf der sie schwimmen, sei durch einen CD-Brenner bedroht: Nein, das ist sie nicht. Euch laufen einfach die Kunden weg. Die wollen etwas anderes oder können eure Preise nicht bezahlen.

Die Frage, was die wollen, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten – das Bauchgefühl sagt, daß es etwas ist, was ich auf keinen Fall will. Danach fragt leider niemand. Wenn den großen Verwertern des Kunstbetriebes die Wünsche ihrer Kundschaft nicht passen: Sie haben es lange genug versäumt, darauf Einfluss zu nehmen – Chancen hatten sie genug. Das Rad der Geschichte mit tatkräftiger Unterstützung der Künstler zurückdrehen zu wollen, ist sicherlich clever, geht aber am Thema ebenso vorbei wie die ganze derzeitige Debatte.

Man schreit „Kultur“ und meint Elb-Philharmonie – das Wort „Raubkopie“ ist nicht mehr als die Verwunderung darüber, warum sich jemand die Mühe macht, solchen Mist noch zu vervielfältigen. Das Notstromaggregat „staatliche Kunst-Förderung“ dient der Herrschaftskultur eines Landes, an dessen Schulen es von Tag zu Tag schwerer wird, auch nur das Lesen und Schreiben zu lernen.
Wo ist denn die Massenkundschaft, bei der man in Zukunft den Profit sucht? Und mit welchem Geld sollen die das bezahlen? Das Volksvermögen wandert derweil ungesiebt zu ein paar wenigen Banken, die als Kundschaft kaum in Frage kommen. Gibt es im Hartz IV Regelsatz eigentlich den Posten Bücher und Theater?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Vollkommen überflüssiger Beitrag zum Thema Urheberrecht

  1. Pingback: Links 2012-05-17 | -=daMax=-

  2. rauskucker schreibt:

    Lange keinen so langen Text mit so großem Amüsement gelesen. Danke. Du hast Recht.
    Ich behaupte ständig, daß es bis heute ein Urheberrecht nicht gibt und es im Kapitalismus auch gar keins geben kann. Dein Text bringt mir ein paar Argumente für diese bisher eher unbelegte These.

    Gefällt mir

    • pantoufle schreibt:

      Moin Rauskucker
      Also: Sooo lang war der nun auch wieder nicht; ich habe fleißig gestrichen. Das er Dir gefällt, gefällt wiederum mir.
      Ich selber hätte es ganz gerne etwas länger gehabt, um mehr herauszuarbeiten, welche Teile der Kulturschaffenden ihr Berufsbild überdenken könnten. Wenn man den Text nur überfliegt, könnte man auf die Idee kommen, ich stellte den gesamten Kulturbetrieb und seine Förderung in Frage. Das ist ausdrücklich nicht der Fall! Aber das ist ein Thema für später.
      Soweit erst mal ein schönes Wochenende.
      das Pantoufle

      Gefällt mir

  3. Das thema »urheberrecht« ist ein schlechter witz.

    Ob Du redest oder singst, auf einem bein durch den raum hüpfst oder was auch immer, wenn Du geld verdienen mußt, tust Du es immer für jemand anders.

    Und frau Berben, nebst 6000 anderen, will, daß das so bleibt?

    Traurig.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s