ein ehemaliger Politiker aus Hannover

Sind sie eine Familien-Ministerin leid, die angsterfüllt hinter jede Gardine sieht, ob dort ein Linksextremist nach ihrem jungen Leben trachte? Leid eines Bundesinnenministers, der ihnen eine sanft schizophrenes Vorstellung irgendwo zwischen Überforderung und Ahnungslosigkeit bietet? Haben sie eine Bundeskanzlerin satt, die im nahen Ausland auf den Titelblättern der Illustrierten mit Hakenkreuzbinde dargestellt wird?

Seien sie getröstet: Da gibt es ja noch den Bundespräsidenten. Das Staatsoberhaupt. Nicht, daß seine Funktion den Grüßaugust nennenswert überschreitet, aber für die 200.000€ im Jahr, die er bis an sein Lebensende bekommt, wird die Imagination verkauft, daß es jemanden gibt, der im Getriebe des politischen Alltags einen letzten Rest von Anstand verkörpert. Einer, der eben nicht bestechlich ist, der im entscheidenden Augenblick – so es seine Befugnisse zulassen – auch einmal nein sagt.

Jeder Bundespräsident oder seine Gattin hat ein wohltätiges Hobby: Die Schirmherrschaft über Krankheiten, die so selten vorkommen, das selbst Fachleute Google bemühen, Völkerverständigung (wo Außenminister nachschlagen müssen) und ähnlich ehrenwerte Beschäftigungen. Der Bundespräsident verkörpert die anachronistische Vorstellung eines liebenswerten Monarchen, der Babys in den Arm nimmt und an den man sich aus rein persönliche Motive lieber wendet als an das Bundesverfassungsgericht. Zu Unrecht übrigens, weil diese Institution fast immer Qualität liefert – ein postdemokratisches Novum.
Aber all das spielt keine Rolle, weil der Präsident eben ein netter Mensch ist – oder es wenigstens vorgibt zu sein – und so sind alle Leser von Zeitungen wie dem goldenen Blatt oder der Frau im Spiegel glücklich, das es auch in Deutschland so etwas wie einen Kronprinzen gibt. Man verachte das nicht: Es spielt sicherlich eine wichtigere Rolle, als man im ersten Augenblick annimmt.

Im Grunde könnte man sich die Existenz als Bundespräsident also als vollkommen harmonisch und frei von finanziellen Nöten vorstellen. Das Geld auf dem Konto reicht für eine geradezu unanständige Menge an verflossenen Ehefrauen, die alimentiert werden müssen und auch für einen netten Sportwagen mit Alufelgen sollte es noch reichen.
Der höchste Grüßaugust der BRD ist ein exzellent bezahlter Scheinpolitiker, dessen materieller Hintergrund es ihm ermöglicht, den ganzen Tag hemmungslos Babys zu knuddeln oder sich mit Vehemenz für das Überleben des Alpenstrudelwurms (Crenobia alpina) einzusetzen.
Solange er sich auf solch ehrenwerte Beschäftigungen beschränkt, steht einer langen, erfolgreichen Amtszeit nichts im Wege.

Christian Wulff (dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, auf wen hier zart angespielt wird) aber hat die eine oder andere goldene Regel für Bundespräsidenten verletzt. Es spielt gar keine Rolle, ob er sich hat bestechen lassen, beim Hausbau nicht nur den guten Geschmack beim Anblick, sondern auch beim Bankkredit verletzt zu haben – die möglichen Vorteilsnahmen beim Urlaub bei noch reicheren Freunden sind nur strafrechtlich von Interesse. Die Staatsanwaltschaft von Hannover hat die Aufhebung seiner Immunität beantragt – immerhin ärgerlich, aber das ist nicht der Grund für sein Ende.

Das Publikum ist bereit, über die Phalanx an Unfähigkeit, Boshaftigkeit und Ignoranz der gewählten Volksvertreter hinwegzusehen – im Zweifel in der schulterzuckenden Hoffnung, sie nach vier Jahren wieder los zu sein. Selbst einen bestechlichen oder naziaffinen Politiker würde man dulden: Aber das Amt des Bundespräsidenten folgt anderen Gesetzen. Der bloße Anschein von Rechtschaffenheit muß gewahrt bleiben. Keine Umbuchungen bei Urlaubsflügen, keine 0% Kredite, keine Sonderkonditionen beim Autokauf.
Dieses Amt soll von einem ganz normalen Bürger mit normalem Benehmen besetzt werden. So, wie das der Mehrzahl der Bürger dieses Landes, das er vertritt. Das Wahlvolk will keinen Politiker auf diesem Posten, sondern einen aus ihrer Mitte.

Dagegen hat er verstoßen: Er ist keiner von uns, er ist ein Politiker aus Hannover.

Zu diesem Thema hat die Opalkatze auch noch etwas anzumerken : LINK

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

23 Antworten zu ein ehemaliger Politiker aus Hannover

  1. Medienkanzler schreibt:

    Als ganz normaler Bürger kann ich nur sagen: Treffender hätte man es nicht auf den Punkt bringen können! Danke schön.

    Gefällt mir

  2. pantoufle schreibt:

    Vielen Dank dafür – ich mußte meiner Erleichterung Ausdruck verleihen, daß dieses unwürdige Schauspiel nun wohl endgültig vor seinem Ende steht.
    Gruß
    das Pantoufle

    Gefällt mir

  3. Nomadenseele schreibt:

    Hätte er die Fehler gleich zugegeben, hätte es soweit nicht kommen müssen – wobei, wenn die Presse erst einmal am suchen ist.

    Dass er sich von Freunden einen Privatkredit geben lässt, ist ein halbwegs normaler Vorgang, aber dass er in der ARD-Sendung nicht einfach gesagt hat: *Ja, ich habe Mist gebaut und das Parlament belogen* war sein Todesstoß. Genau wie seine Transparenz, die am nächsten Morgen nichts mehr galt.

    Auch seine Anrufe bei Welt am Sonntag und der Bild fand ich nicht sooo schlimm – wenn eine Zeitung etwas über mich veröffentlichen wollte, was ich nicht möchte, dann riefe ich dort auch an.

    Gefällt mir

    • Nomadenseele schreibt:

      Nachtrag:

      Ich sehe mich nur in der Ansicht bestätigt, dass Politik und Wirtschaft zu eng verbunden ist – es erklärt die menschenfeindlichen und flughafenfreundlichen Entscheidungen in Hessen. Ich möchte nicht wisse, was da alles geflossen ist.

      Gefällt mir

  4. pantoufle schreibt:

    @ Nomadenseele
    Es gibt noch eine andere Möglichkeit als die der Entschuldigung: Die Fehler gar nicht erst zu machen. Wir sprechen bei Wulff ja nicht von einem Fall von Mundraub – es ist die Summe der Ungenauigkeiten und Halbwahrheiten, für die man sich irgend wann nicht mehr entschuldigen kann, weil es auf einen Charakterzug schließen lässt, der mit diesem Amt nicht vereinbar ist. Als Ministerpräsident von Niedersachsen? Da fragt kein Schwein; als Bundespräsident: Nicht hinnehmbar.

    Gefällt mir

    • Nomadenseele schreibt:

      Ich gehe auch davon aus, dass er korrupt ist – kostenlose Upgrades, Luxusmode für die Gattin und Urlaube (für sich und seinen Sprecher) sprechen eine deutliche Sprache.

      Nur den Ausgangspunkt (Kredit) sehe ich nicht als verwerflich an.

      Gefällt mir

  5. Susanne schreibt:

    … und wenn er wenigstens jetzt den pastoralen Ton gelassen und klipp und klar gesagt hätte: Liebe Mitbürger/innen, wie Sie alle wissen, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mich, ich bin zwar überzeugt davon, dass das alles sich als heiße Luft herausstellen wird, aber um das Ansehen dieses Amtes nciht weiter zu beschädigen und der Staatsanwaltschaft ihre Arbeit zu erleichtern, trete ich jetzt zurück, weil das die einzige saubere Entscheidung ist, die ich noch treffen kann“ – dann hätte er wenigstens einen guten Abgang gemacht.
    So war es wie alles vorher: Verlogen.

    Gefällt mir

    • pantoufle schreibt:

      Wulffs Abgang war von legendärer Trostlosigkeit – in der Tat. Man muß aber stillschweigend anerkennen, daß er seiner Rolle bis zum Schluß treu geblieben ist. Mittelmaß als bruchlose Lebenslinie hat auch Konsequenz. Er kann und will eben nicht anders.
      Springers „Welt“ übt sich mittlerweile in Tiefschlägen der besonderen Art, in dem sie der Kleidung Bettina Wulffs mehr Platz einräumt als der Abschiedrede des Gatten. Ohne behaupten zu wollen, qualifiziert über Mode urteilen zu können, scheint die Reihenfolge aber richtig zu sein.

      Gefällt mir

  6. FF schreibt:

    Gleich im ersten Satz sprechen Sie, lieber Pantoufle, das Elend gelassen aus. Diese Dame (und dieser Herr) sind nämlich größere Ärgernisse als der arme Herr Wulff.

    Gut, Wulff ist korrupt, rundrum. Er hat jedoch nichts getan, was unter seinesgleichen nicht Usus wäre, zum guten Ton gehörte, völlig okay ginge. Er hat das für einen (CDU?)-Ministerpräsidenten normale Programm abgespult. Siehe Koch, siehe Oettinger. Als „Bundespräsidenten“-Attrappe konnte Wulff wenigstens keinen Schaden mehr anrichten.

    Die Inkompetenz von Schröder und Friedrich dagegen übertrifft die Wulffsche Korruptheit mindestens um den Faktor zehntausend.

    Und leider richten beide in unserem Land doch erhebliche Schäden an.

    Eine Diskussion darüber wird aber nicht geführt. Und selbst wenn: nur Muttis Wahlniederlage oder ein Atomkrieg könnten ihr fatales Treiben abkürzen.

    Achtung, das Schlimmste am Schluß: nach Muttis Wahlniederlage käme – jetzt Vorsicht! – Frau Nahles. Und die wäre – kurz setzt mein Herzschlag aus – noch schlimmer als Schröderfriedrich.

    Gefällt mir

  7. pantoufle schreibt:

    Moin FF
    Nun: Nur für heute wollen wir uns freuen, daß der Schnäppchenjäger abgedankt hat. Daß das berliner BDSM-Studio unvermindert auf ein wohliges Stöhnen der Wähler beim Lesen der Zeitungen wartet, soll uns wieder am Montag interessieren.
    Heute aber ist ein guter Tag – soweit man bereit ist, zu vergessen, daß man ja seit längerer Zeit einen Nachfolger sucht. Die zur Debatte stehenden Namen können einem die Nachtruhe rauben – Gesine Schwan wird es wieder nicht, genau so wenig wie jede andere Stimme der Vernunft. Der sprechende Hosenanzug hat sicherlich schon jemanden im Auge. v.d.Leyen, IM Schäuble oder Gauck.
    Merke: Es geht immer noch etwas schlimmer als erwartet. Wobei die Merkelsche Antwort in sofern interessant sein könnte, als daß man erfährt, welches Ressort sie diesmal für komplett überflüssig hält.
    Ach, und da wäre ja noch…
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815893,00.html
    Sollte der ehmalige Präsident etwa dem Anspruch auf den „Ehrensold“ nicht genügen? Keine 200.000€ im Jahr? Das wäre allerdings ärgerlich – aber wozu hat man soviel reiche Freunde. Die lassen ihn bestimmt nicht hängen. Die nicht! Das sind ehrliche Männerfreundschaften, nicht solche kurzlebigen Verhältnisse, die nur mit dem Amt Wulffs zusammenhängen.
    Na, da bin ich ja beruhigt.

    Gefällt mir

  8. opalkatze schreibt:

    Osnabrück, bitte, Osnabrück.

    Gefällt mir

  9. FF schreibt:

    Mir fällt gegenwärtig – außer Georg Schramm – nur ein Kandidat ein, der mir als Bundespräsident nicht körperliche Schmerzen bereitete: Wolfgang Böhmer. Who?

    Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, CDU, okay – aber das Kürzel „S“PD jagt mir inzwischen den größeren Schrecken ein.

    Böhmer ist: unprätentiös, überparteilich, schlau, im richtigen Alter, unbequem, formuliert lesbare Sätze. Gelernter Kinderarzt. Also genau der richtige Mann für das „politische Berlin“.

    Gefällt mir

    • pantoufle schreibt:

      Gesine Schwan, Schramm, Giorgos Andrea Papandreou, Sebastian Haffner… äh – Mist.
      Na ja: Meine Phantasie hat da auch ihre Grenzen 😉
      P.S.
      Margot Käßmann … Kirche, aber große Klappe. Weintrinkerin. Sympatisch.

      Gefällt mir

  10. Nomadenseele schreibt:

    Von Arnim weist darauf hin, dass dem 52 Jahre alten Wulff vorläufig keine Versorgung als früherer Ministerpräsident und Landtagsabgeordneter in Niedersachsen zustehe: Der Ruhegehaltsanspruch aus seiner Amtszeit als Regierungschef von 2003 bis 2010 ruhe laut Niedersächsischem Ministergesetz, bis er 60 werde. Auf die Altersentschädigung als Landtagsabgeordneter müsse er laut Niedersächsischem Abgeordnetengesetz warten, bis er 57 werde. Bis Ende Juni dieses Jahres, wenn sich sein Ausscheiden aus dem Ministerpräsidentenamt zum zweiten Mal jährt, bleibe ihm immerhin ein Anspruch auf Übergangsgeld nach Niedersächsischem Ministergesetz in Höhe von monatlich rund 7000 Euro – der aber nur wiederauflebte, wenn Wulff nun ohne anderweitige Versorgung bliebe.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ruhebezuege-des-bundespraesidenten-sold-wem-ehre-gebuehrt-11653559.html

    Angesichts dieser unglaublichen menschlichen Tragödie verbietet sich Triumpfgeheul schon fast. Der Man ist sowas von fertig, wenn er den Ehrensold nicht bekommen sollte, dass ich nur noch Mitleid empfinden kann.
    (Auch wenn ich der Meinung bin, dass er ihn nicht verdient hat.)

    Gefällt mir

  11. pantoufle schreibt:

    Dein Mitleid ehrt Dich, aber den Begriff „Tragödie“ sollte man vorsichtiger anwenden. Eine Tragödie: Das ist eine alleinerziehende Mutter mit Hartz IV, die im Alter sicher sein kann, nichts, aber auch gar nichts zum Leben zu haben. Und sie ist nicht alleine: Davon gibt es Millionen, da wächst eine Masse von Altersarmut zusammen, deren Gehalt an sozialem Sprengstoff bis jetzt jeder Politiker ignoriert.
    Eine Tragödie: Das ist die vietnamesische Familie, die Wulff abschieben lies und die nur durch anhaltenden Protest in der Bevölkerung wieder nach Deutschland durfte. Wieviel Elend und tatsächliche Tragödien hat Wulff in seiner Amtszeit als niedersächsischer Ministerpräsident unwiderrufbar durch seine rigide Abschiebepraxis angerichtet.
    Christian Wulff ist von Haus aus Jurist, Rechtsanwalt. Es könnte ihm ein Leichtes sein, sofort als solcher wieder in Lohn und Brot zu kommen. Er müsste nur etwas machen, was er schon seit langem nicht mehr getan hat: Arbeiten!
    Man soll nicht auf Menschen treten, die am Boden liegen – vollkommen richtig. Man darf aber durchaus darüber nachdenken, in welch luftiger Höhe sich dieser Boden befindet.

    Gefällt mir

  12. pantoufle schreibt:

    Nun gut: Das war vielleicht etwas polemisch ausgedrückt. Aber glaubst Du allen Ernstes, daß Wulff auch nur eine Sekunde lang Gefahr läuft, Hunger zu leiden? Eine „unglaubliche menschlichen Tragödie“? Das ist doch nicht Dein Ernst!
    Menschliche Tragödien? Ein Tag als Beobachter auf dem Sozialamt. Live und in Farbe!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s