Das undenkbare Jahr 2011

Nein, keine Angst: Kein großartiger Rückblick – nur die Feststellung, daß es vorbei ist. Keine Bilderschau, kein Johannes Heesters, den die Biologie endlich eingeholt hat – was eigentlich schon fast undenbar war. Auch die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin ist kein Thema; das hat Jacob Jung schon erledigt – die Rede, wie sie hätte sein sollen.

Was sollte man in der Rückschau schon groß schreiben? Das Undenkbare, was niemand auch nur im Ansatz voraussehen konnte, geschah: Der tumbe Glauben an die Sicherheit von Atomanlagen löste sich in Japan in radioaktive Rauchwolken auf. Die Politiker reagierten wie gewohnt, hielten inne, verstanden und prügelten mit erstarkter Lust auf die Gegner der Castor-Transporte ein.

Ebenso undenkbar war die Entdeckung einer Handvoll Mörder mit rechtsradikalem Hintergrund. Erst eins, dann zwei, dann drei dann vier, dann stand der Verfassungsschutz, das BKA und die gesamten Innenminister vor der Tür, öffnen und sehen vorsichtig in den dunklen Raum dahinter. Da schlug ihnen der Mief von 66 Jahren unverdauter Hinterlassenschaft entnazifizierter Ahnen entgegen. Auch damit hatte niemand rechnen können. Politischer Handlungsbedarf, vorbildhaft und die Grenzen des Rechtsstaates sprengend umgesetzt unter anderem im Freistaat Sachsen. Die Verfolgung der Gegner der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung nahm ihren unerbittlichen Lauf und richtete sich gegen… die Gegner der Nazis. Brutalstmögliche Aufklärung unter den Gegnern des Faschismus und größtmöglicher Lauschangriff auf den kritischen Bürger.

Die Aufklärung der Verbrechen der Nazitrios gestaltete sich in der Zwischenzeit als Wettrennen. Wer ist schneller? Die Weber des Teppichs, unter den man gerne alles gekehrt hätte oder die eher zufälligen Erkenntnisse über die Mitwisserschaft der Behörden. Ein bis Dato offenes Rennen, bei dem nur eines klar wird: Genau den Behörden, die jahrelang die Mörder gedeckt, bezahlt oder ignoriert haben, soll das Instrument der Vorratsdatenspeicherung und der Bundestrojaner anvertraut werden.

Wir erinnern uns: Die undenkbare Entdeckung der staatlichen Maleware durch den CCC. Ein Qualitätsprodukt der Firma Digitask, von hochspezialisierten Beamten behutsam eingesetzt gegen die großen Verbrecher dieser Welt. Das geneigte Publikum registrierte zwar etwas irritiert, daß man den staatlich verordneten Virus nicht gegen sogenannte Terroristen, Kinderschänder oder das organisierte Verbrechen eingesetzt hatte, aber Medikamentenschmuggel hatte ja auch etwas! Die Peinlichkeit der Entdeckung wurde nur noch unterboten durch die nichtvorhandenen Fähigkeiten der Programmierer. Nein: Lassen wir Gerechtigkeit walten! Wenn man glaubte, das Niveau der Debatte wäre nicht mehr zu unterbieten, bat der Abgeordnete Hans-Peter Uhl um das Wort vor dem hohen Hause – Sternstunden der parlamentarischen Rede! „Rettet den Innenminister“ und sei das Argument noch so fadenscheinig.

Die undenkbare Entdeckung des morastigen Bodensatzes politischer Aktivität: Freiherr von und zu Guttenberg. Die Fortsetzung von Thomas Manns „Felix Krull“ mit den Mitteln der Schmierenkommödie. Der Beweis, wie real der Wunsch nach einem Erlöser, einer „Lichtgestalt ist, auch Beweis für die These, das es hohe Zeit für eine Ergänzung des Grundgesetzes ist: Die Beleidigung der Intelligenz muß endlich justiziabel werden!

Und damit will sich die Schrottpresse auch im neuen Jahr beschäftigen: Mit der Erkenntnis, daß wir von Politikern regiert werden, die die Erkenntnisse der Industriellen Revolution gerade erst verdaut haben. Während sie eben aus der Pferdekutsche steigen, stecken sie ihren Kopf bereits in den Teilchenbeschleuniger. Sie faseln von „Cybercrime“ und meinen „Metternich“, Kleinkinder mit Laserschwertern und einer ebenso kindlichen Vorstellung von Gut und Böse.

Willkommen im undenkbaren Jahr 2012. Besserung ist nicht in Aussicht.

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