… sie haben ja kein Bekennerschreiben verfasst…

Eine leichte Sorge schwingt beim fröhlichen bloggen ja immer mit, ob die Würde, die man bei öffentlichen Auftritten der Politiker oftmals so schmerzlich vermisst, ausgerechnet in der kleinen Schrottpresse verletzt wird. Prominente sind ja oft so empfindlich… Da atmet man erleichtert auf, wenn der politische Gegner das in epischer Breite selber erledigt, wie im Fall des N24 Interviews mit Bundesinnenminister Friedrich. Ein klarer Fall von Selbstverstümmelung!

Man stelle sich beim Anhören dieses hilflosen Gestammels nur für einen kurzen Moment vor, es würde sich nicht um einen Minister, sondern um einen Klempner handeln, der einem Kunden den kapitalen Wasserrohrbruch erklären muß, der durch seine handwerklich unsachgemäße Arbeit entstanden ist. Der brave Handwerker rückt auch gar nicht erst mit Eimer und Lappen an, sondern schlägt vor, das Badezimmer im Garten zu installieren und eine Liste weiterer Wassrohrbrüche zu erstellen. Sollte das keine unmittelbare Besserung bringen, würde man erwägen, Wasserrohrbrüche grundsätzlich zu verbieten.

Das Beispiel hinkt? Darüber kann man streiten: Wenn man im Fall der Nazimörder die Ermittlungsbehörde „Bosperus“ nennt und die Verbrechen „Döner-Morde“, lässt das darauf schließen, etwas ganz Wesentliches an dem Problem nicht erkannt zu haben. Weder hat das Ganze am Bosperus stattgefunden noch sind Dönerspieße hingerichtet worden. Allein die Wortwahl ist zynisch – es zeugt von einer schon seit langem verankerte latenten Ausländerfeindlichkeit – von der Geschmacklosigkeit ganz zu schweigen.
So reicht es auch nicht einmal für eine symbolische Geste des Bedauerns an die Adresse der Hinterbliebenen – man ermittelt ja noch! Verantwortlich für die Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus ist nebenbei bemerkt Kristina Schröder… nur der Vollständigkeit halber.

Die Lösungsvorschläge, um die Morde schnell in der Versenkung verschwinden zu lassen, liegen nun auf dem Tisch und sind hinreichend bekannt: Vorratsdatenspeicherung, „Zentraldateien“, NPD verbieten. Die deutsche Lösung: Bespitzeln, sammeln, verbieten – versehen mit dem Hinweis, den „Linksterrorismus“ dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Damit nicht auch noch der Eindruck deutscher Humorlosigkeit aufkommt, fordert der Innenminister Niedersachsens Schünemann ein Qualitätsmanagement für V-Leute – vielleicht er denk an Nazis nach ISO 9000 Spezifikation?

Es ist ein dummes und unappetitliches Gerangel: Während die renommierten Amadeu Antonio Stiftung von 182 Toten rechter Gewalt seit 1990 spricht, beharrt die Bundesregierung auf 46 Menschen. Während beißreflrexartig das Wort „Vorratsdatenspeicherung“ wiederholt wird, gibt es in vielen Gegenden Deutschlands blanke Furcht auf der Straße, wenn die braune Horde wieder irgendwo auftauchen. Da wird nicht gemordet: Dort wird eingeschüchtert, zusammengeschlagen, werden Brandanschläge verübt – der tägliche kleine Naziterror, der in keiner Statistik oder „Zentraldatei“ auftaucht. Um das festzustellen, braucht man keine Trojaner – es reicht, sich Seite an Seite mit der türkischen Gemüseverkäuferin hinter ihren Stand zu stellen und darauf zu hoffen, das „sie“ diesmal weitergehen. Die stumpfsinnige Forderung nach noch mehr Überwachung zeigt deutlich, wie viele Lichtjahre mittlerweile zwischen bürgerlichen Realität und der Wahrnehmung in der Politik liegen.

Es ist also gar nichts Unerwartetes passiert, sondern das, was Heribert Prantl in der SZ folgendermaßen formuliert:

Der Rechtsextremismus hat seine alten Einfluss-Sphären schon vor der deutschen Einheit, schon seit Mitte der achtziger Jahre, verlassen können. Ihm gelang der Generationensprung aus dem Ghetto der Altherrenvereine, ohne dass die demokratischen Alarmsysteme anschlugen.

Wenn sich dieses Szenario mit der guten, alten deutschen Tradition trifft, bevorzugt kritische Demokraten, Linke und Ausländer zu bespitzeln und die extreme Rechte als eine Art historisches Kulturgut zu betrachten, ist man in etwa da, wo man  jetzt steht. Es besteht also überhaupt keine Veranlassung, sich über irgend etwas zu wundern.
Die hastig-hirnlosen Reperaturmodelle, die in diesem Moment als geeignetes Mittel gegen extreme Symptome eines alltäglichen Wahnsinns angepriesen werden, scheitern an einer simplen Hürde: Die Saat der Intoleranz, der Fremdenfeindlichkeit und einem pervertierten Sicherheitsdenken ist bereits in weiten Teilen der Gesellschaft aufgegangen. Es ist zu einem Millionengeschäft für Politik und Wirtschaft geworden.

Genau so sehen die Lösungsansätze der Politiker jetzt auch aus: Die Zahl der „Feinde der Gesellschaft“ wird einfach bis ins Unüberschaubare erhöht. Nur keine sachliche Auseinandersetzung darüber, von welcher Seite tatsächlich eine reale Bedrohung ausgehen könnte! Es wird einfach die Anzahl der Gegner verdoppelt, verdreifacht, um jede noch so absurde Maßnahme des Staates zu legitimieren und den Status Quo zu erhalten. Versteckt hinter anonymen „Zentraldateien“ und anderen nicht nachvollziehbaren Überwachungsinstrumenten wird eine immanente Angst vor allerlei Gefahren weiter geschürt. Nicht wovor, sondern das Angst herrscht, ist wichtig. Das ist vom Standpunkt der Handelnden verständlich, denn bei anderen – zielgerichteten – Entscheidungen bestände massiv Gefahr, daß Köpfe in den eigenen Reihen rollen.

Upps – noch schnell einen Link hinterher: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/neues-zur-nsu-nazi-bands-singen-seit-jahren-ueber-das-moerder-trio-2917

Gegendarstellung: Wenn ich irgendwo weiter oben behauptet habe, niemand würde Betroffenen sein Mitleid aussprechen, so nehme ich das hiermit feierlich zurück: Spiegel Online:
Tröster-Karneval in der Keupstraße

Update am Morgen:

Jetzt im Ernst: Über den Umgang mit den Hinterbliebenen muß ich wirklich Abbitte leisten – Ich habe das, so gut es ging, vor dem Schreiben recherchiert, bin aber auf keine verwertbaren Informationen darüber gestoßen.
Nun kam erst der etwas schnodderige Artikel auf SpOn und diese Nacht ein sehr lesenswerter Beitrag in der „Zeit“. Ich bin kein großer Fan von Bundespräsident Christian Wulff, aber in diesem Fall erkennt die Schrottpresse einen richtigen Schritt in die richtige Richtung. Wenn Wulff auf dieser Linie bleibt, hätte er erst einmal einen Punkt auf seinem Konto.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-11/wulff-rechtsextremismus

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2 Antworten zu … sie haben ja kein Bekennerschreiben verfasst…

  1. negativefreiheit schreibt:

    Hallo,

    es stimmt, dass die Begriffe „Dönermorde“ und „Bosperus“ tief blicken lassen. Wobei unterschieden werden muss. Der Begriff der Dönermorde stammt aus der Presse. Hier werden ganz bewusst Begriffe gesucht, die eher auf Stereotypen aufbauen, da sie so einprägsam sind.
    Viel interessanter finde ich da schon die Bosperus-Bezeichnung. Vor allem wenn man sich die ermittelnden Beamten mal anhört (im Jahre 2010 wurden sie fürs Radio interviewt, http://web.ard.de/media/pdf/radio/radiofeature/doenerkiller.pdf ). Dort wird auf die Frage nach rechtem Hintergrund davon ausgegangen, dass dies natürlich sein könnte. Bspw. könnte jemand als Kind von jemandem aus dieser ethischen Gruppe von Drogen abhängig gemacht worden sein und hätte nun einen Hass auf alle Personen dieser ethihschen Gruppe entwickelt. (Siehe LINK Seite 26) Das Sympthom einer solch einseitigen Sichtweise, die auch noch pauschalisierende rechte Stereotypen produziert, findet sich natürlich auch in der Bosperus Bezeichung wieder.

    Grüße Alexis
    PS: Einen Hinweis auf meinen ersten Blogeintrag ever! Thema: Das NPD-Verbot

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    • pantoufle schreibt:

      Moin, Alexis
      Die genaue Quelle solcher stammtischinspirierten Sprachschlampereien ist mir fast schon gleichgültig. Es passiert mittlerweile zu häufig und man läuft jederzeit Gefahr, selber darauf hereinzufallen. Die Dauerberieselung macht schläfrig – darauf erst mal eine gesunde Milchschnitte mit der Extraportion frischer Eselsmilch.
      Gruß, Pantoufle
      P.S. Willkommen im im Club. Viel Spass für die Zukunft

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