][ APPLE ®

Der Apple-Mitbegründer Steve Jobs starb am 5. Oktober 2011 im Alter von 56 Jahren an Krebs. Mein aufrichtiges Beileid an die Adresse der Angehörigen.

Pantoufles persönliches Verhältnis zu den Produkten der Firma Apple ist eher durchwachsen. Zuviel „i“, zuviel Chrome und schwarzer Lack – der Designerkotau vor einem unseligen Zeitgeist; bekanntlich die einzige Art von Geist, die nicht wehtut. Mir sagen diese Geräte nichts mehr. Es sind „Produkte“: Stromlinienförmig, bequem, beliebig austauschbar gegen ein anderes Kästchen, das auch schwarz und glatt ist. Und natürlich intuitiv bedienbar.

Meine Erinnerungen an Apple sind weder intuitiv bedienbar noch aerodynamisch: Sie fangen mit ][ an, gefolgt von einem „c“, „e“ oder „+“. Große, unförmige Kisten in meist selbsgezimmerten Gehäusen und grüner Schrift auf schwarzem Grund. Wenn man intuitiv den Netzschalter fand und drückte, startete der Monitor, etwas warten… dann die Z80 Karte starten und fand, die entsprechende Disk im 5 ¼Laufwerk vorausgesetzt, zum Betriebssystem CP/M. Wunderbare Welt der Hochleistungs-Heimcomputer! Es war die Zeit, in der meine „Karriere“ als Tontechniker begann und dieser Einstieg führte bei mir über die Elektronik und Rechner.

Geschrieben wurde mit Wordstar, einer genial programmierten Textverarbeitung, die durch ihre Tastatur-Steuercodes schnell und einfache zu bedienen war – Mausunterstützung absolut überflüssig. Mit dem aktuellen Clone „jstar“ schreibe ich heute noch, wenn die Texte länger werden. Es kommt zwar im Funktionsumfang an Wordstar nicht heran, verfügt aber über die selben Steuerbefehle. Es gibt keine Möglichkeit, sich schneller und komfortabler durch einen langen Text zu wühlen als mit diesem Editor!
Kein Wunder also, das Borlands Turbopascal in seiner IDE auf den selben Editor zurückgriff. In der Version 3 wurde erstmals Grafik unterstützt und das war dann mein persönlich vorläufiges Ende der Liebe zu CP/M – daß das eben nicht unterstützte (außer beim Schneider CPC – der kam aber erst später). Mit einer raubkopierten DOS Diskette und Borlands Turbo-Pascal konnte man einzelne Pixel auf den Monitor malen: Grafik! Und das offen Hardwarekonzept der Apple Computer ermöglichte es, mit einfachsten Mitteln selber Karten zu bauen – vorausgesetzt, man wußte, an welchem Ende man den Lötkolben berühren durfte.

Meine persönliche Sucht war es, mit AD-Wandlern zum messen. Irgend etwas mußte einen Ton erzeugen und irgend etwas anderes das Mess-Signal aufnehmen, gleichrichten und in eine Zahl zwischen 0 und 255 verwandeln. Das wurde dann in Positionen auf dem Bildschirm umgerechnet und ergab Graphen, die meine damaligen Kumpels mit Ehrfurcht bestaunten. Mein Meisterstück: Ein spannungsgesteuerter Tongenerator, der nur äußerliche Ähnlichkeit mit dem Moog-VCO hatte – allerdings die selben Probleme: Temperaturdrift und diverse Nichtlinearitäten aufgrund mangelnder Qualität der Bauteile meines Händlers „Völkner“. Dafür erzeugte er richtige Sinus-Signale, die sogar weitgehend klirrarm waren, wie ein Blick auf das Röhrenoszilloskop der Marke Philips verriet, das damals schon eine Antiquität, aber trotzdem mein ganzer Stolz war.
Die Rückwandlung der Signale erfolgte mit einem (sündhaft teuren) Effektivwert-Gleichrichter und dem berühmten AD-Wandler ZN-427 E8 mit sensationellen 8 Bit Auflösung bei passabler Linearität. 2,5 Volt waren 2,5 Volt – jedenfalls solange niemand das Fenster aufmachte oder sich die interne Referenz auf andere Art änderte – billige Völkner-Trimmer aus der Grabbelkiste, fragwürdige Lötstellen: Es gab da mehrere Möglichkeiten…
Gesteuert wurde am Bildschirm mit Hilfe des im Apple eingebauten Game-Ports – Vorläufer der Maussteuerung.
Irgend ein längst vergessener Zeitgenosse verwechselte meinen Enthusiasmus mit Professionalität, stellte mich in Lohn und Brot und so begann ich, mit meinem gepflegten Halbwissen Geld zu verdienen. Schnell stellte sich die Frage, für welche Plattform zukünftige Produkte entwickelt werden sollten. „Mother Blue“ war teuer und politisch unkorrekt, Apple hatte den ersten „Mac“ auf den Markt gebracht und damit alle Vorsätze für Offenheit über Bord geworfen und Ataris ST hatte den vermeintlich falschen Prozessor. Also fiel die Wahl völlig unverständlicherweise auf den Schneider CPC und damit zurück zu CP/M. Daß kannte ich ja schon (im Gegensatz zu meinem Arbeitgeber, was meine Zeit in dieser Firma etwas verlängerte) und so brachten wir unser Produkt wenigstens auf die Titelseite der damals sehr populären Zeitschrift „ELRAD“.

Irgend wann war auch diese schöne Zeit vorbei und ich stand dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung, der schon die ganze Zeit atemlos auf mich gewartet hatte.
Mein berufliches Schicksal vollführte einen weiten Schlenker und ich landete in einer Offsetdruckerei als Repro-Photograph. Es war eine schöne Zeit! Ich war mit einer absolut bezaubernden Lady liiert, hatte ein Auskommen, einen Hund, der bei Einsamkeit hundsgroße Löcher in die Türen scharrte und einen Job. Bis… ja, bis die Grafikfähigkeiten von Apple-Computern von der Druckindustrie entdeckt wurden, die kleine Druckerei Pleite machte (es ist manchmal schwer, sich an die neuen Zeiten anzupassen) und ich wieder einmal mit der beruflichen Umorientierung beschäftigt war.

Während mein Hund weiter sämtliche Türen der Wohnung zu Holzstaub transformierte, meine geliebte Lady ihre Koffer packte und ich meine letzten D-Mark zum Getränke-Einzelhandel trug, fing ich an, APPLE® nicht mehr zu mögen. Genauer gesagt: Die Institution APPLE®. Der APPLE
][e blieb. Der ][c auch. Mit Z80 Karte, der Diskettensammlung und dem Laufwerk „Mampf, der fünfzöllige“. Zu einer Festplatte sollte es nie mehr kommen.

Linus Thorwald schenkte dem bekannten Universum ein quelloffenes Betriebssystem und die Wiederauflage einer Kultur, die Steve Jobs in der Garage in Los Altos beim Umzug liegengelassen hatte. Mother Blue schmiss irgendwann Bill Gates raus, ließ sich die Taiwan-Kopien gefallen und investierte 2 Milliarden $ in Linux. Billy ist mittlerweile auch viel ruhiger geworden, klaut nicht mehr so viel und überlässt Steve Ballmer das zweifelhafte Vergnügen peinlicher Auftritte. Steve Jobs kam nach einem kurzen Ausritt von NexT zurück zu Apple und begann mit der Aufzucht von Kunden, die emotional von schwarz gestylten, intuitiv bedienbaren Produkten abhängig wurden wie andere von der Crackpfeife. Kunden, die an der Funktion ihrer Geräte so wenig interessiert waren wie an deren Haltbarkeit. Kunden, die sich nichts mehr wünschen, als eine einzige Maustaste – wenn möglich, auch ohne Tastatur. Man nennt diese Art von Ergebnisorientierung wohl Fortschritt.
Ich habe mal einen iPod gehabt. Jetzt trägt ihn meine absolut bezaubernde Frau herum und hört Harry Potter. Joanne K. Rowling ist auch rückwirkungsfrei an mir vorbeigegangen. Mein ältester Sohn hat einen. In silber. Zum Musikhören, wenn er mal mit dem Hund rausgeht. Dem Hund Oskar, der meine 150jahrigen sorgsam restaurierten Türen auch in Momenten größter Einsamkeit in Ruhe lässt.

Mein lieber Steve Jobs: Zum Gedenken an Dich packe ich meinen letzten verblieben ][c noch einmal aus! Mal sehen, ob das Netzteil noch geht – einen passenden Monitor habe ich auf dem Dachboden. Grün mit schwarzem Hintergrund. Leises Sirren, die Laufwerke knarzen an den wahrscheinlich defekten Disketten… nein, die hier geht noch! WS startet. CTRL-QF… find text… such doch mal den Text, mit dem wir unsere Computerträume begannen, als das alles noch ein großes Abenteuer war, der geheime Geist in der Maschine und das „i“ noch der HEX-Code 0x69 war und kein Markenzeichen!

So will ich Dich in Erinnerung behalten! Aus der Garage von Steve Wozniak und Steve Jobs in meine grundsätzlich unaufgeräumte Werkstatt. Vielen Dank für die Träume und die große Vision.

Rest in Peace.

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4 Antworten zu ][ APPLE ®

  1. Frank Benedikt schreibt:

    Yep! Der Mann war ein Visionär, leider von der Sorte „Koofmich“. Über den alten Apple II haben ein Freund und ich erst gestern noch wieder gesprochen und davon geschwärmt, was man alles mit ihm anstellen konnte – der war ein wirklich großer Wurf. Heute halte ich die Produkte dieses Konzerns(!) für zu stylish und überteuert. So ändern sich halt die Zeiten …
    Danke für einen „Nachruf“ der anderen Art und ein paar Erinnerungen, bei denen auch ich wehmütig werde.

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Frank
      Ja, der Jobs… es ist ja nicht so, das ich am Grabe verstorbener Großindustrieeller grundsätzlich mit den Tränen kämpfe, aber bei ihm kamen dann doch einige Erinnerungen wieder hoch. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Die Kisten mit dem „günstig geschossenen“ Apple meiner Träume waren noch nicht ausgepackt, als ich den ungeliebten ZX81 mitsamt seiner Speichererweiterung mittels einer 10cm langen Spax an die Tür geschraubt habe. Da hing er nun… Niemals wieder Peek und Poke! Wie die alten Säcke zu sagen pflegen: „Das waren noch Zeiten!“ Als die Tinte mittels 9 oder gar 24 Nadeln aufs Endlospapier genagelt wurde (andächtige Stille, weil man bei dem Lärm sein eigenes Wort nicht mehr verstand) – matte Farbbänder konnten für gewisse Zeit mittels Wasserdampf reanimiert werden statt ein Vermögen für eine Patrone im Gegenwert eines neuen Druckers zu investieren. Die Brötchen waren auch viel billiger und die Musik besser… Wie ich schon sagte: Alte Säcke!
      Lieben Gruß
      Pantoufle

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  2. Frank Benedikt schreibt:

    Sehr schön 🙂 Tscha, früher war alles besser, wie schon die Hosen beizeiten in ihrem „Wort zum Sonntag“ sangen: http://www.youtube.com/watch?v=tAwpF6XE8j4

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