Surfen in Greifswald

Folgende Zeilen habe ich mir erlaubt an den Klassenlehrer meiner ältesten Tochter zu schreiben und gerade abgeschickt. Eventuell sind hier ja noch ein paar Eltern, die eine Vorlage für ähnliche Entschuldigungsschreiben brauchen. Alles C.C.! Bedient Euch!

Sehr geehrter Herr Klassenlehrer

Ich schreibe Ihnen betreffend der Klassenfahrt meiner Tochter Zementa (tatsächlicher Name ist der Reaktion Redaktion bekannt) zum 18.6.2012 in das Maritime Jugenddorf Wieck in Greifswald.

Nach einigen Gesprächen mit meiner Tochter kristallisierte sich schnell heraus, daß sie nicht nach Greifswald möchte. Ich spreche natürlich nicht von Greifswald als wunderschöner Stadt an der Ostsee, sondern von der Klassenfahrt an sich. Eingedenk unschöner Erinnerungen an meine eigene Schulzeit und deren Klassenfahrten ein Wunsch, der bei mir auf ein offenes Ohr trifft.

Selbstverständlich kann ich den pädagogischen Sinn von gemeinsamen Fahrten einer Schulklasse nachvollziehen – allein: Sie will es nicht! Nicht, daß ich bei Wünschen meiner Tochter willenlos ja und Amen sage, aber in diesem Falle akzeptiere ich ihren Unwillen.

Zu alledem kommt verschärfend hinzu, daß ich als Vater von vier schulpflichtigen Kindern vor einigen Wochen arbeitslos geworden bin und – arbeitslos oder nicht – den Sinn von Klassenfahrten für „ca. 240€“ pro Person nicht zu nachvollziehen kann. Von der diesjährigen Anzahlung von 30€ zu schweigen, ist das „circa“ in der Formulierung wenigstens erklärungsbedürftig. Wie viel ist „circa“?

Würde die Seeligkeit meiner Tochter von dieser Reise abhängen: Sie könnten gewiss sein, daß ich das Geld dafür auftreiben würde – Sie will aber nicht. Und ich habe das Geld strenggenommen nicht, stattdessen aber noch drei andere Kinder (der älteste soll gerade für einen ähnlich albernen Betrag nach Wien fahren; eine dieser Städte im Universum, an der er ebenfalls überhaupt kein Interesse hat).

In Zeiten von Hartz IV, Arbeitslosigkeit und allgemeinem Abbau des Wohlstands sind solche Beträge für so etwas triviales wie Klassenfahrten meiner Meinung nach fragwürdig. Sicherlich kennen Sie die Beträge, über die ein Hartz IV – Empfänger verfügt, eventuell die Schwierigkeiten jener Personen, ihren Kindern das Geld zu verschaffen – wahrscheinlich aber nicht die psychologischen Schwierigkeiten der Betroffenen, das auch laut zuzugeben. Wie kommt man heutzutage auf solche Summen für eine schulinterne Unternehmung?

Nun bin ich kein HartzIV – Empfänger. Meinen alten Job bin ich los und arbeite statt dessen im Moment „auf dem Bau“ als Handlanger. Nach Aussage meiner Tochter hätte sie lieber für „ca. 240€“ Bücher anstelle eines Surf-Kurses auf der Ostsee. Für diesen Wunsch würde ich allerdings gerne diverse Überstunden einlegen!

In Ihrem Schreiben vom 6.9.2011 belassen Sie die Möglichkeit, aus „irgend einem Grunde“ während dieser Zeit anstelle der Klassenfahrt die Klasse des benachbarten Jahrgangs zu besuchen und dort am Unterricht teilzunehmen. Das wäre sowohl meiner Tochter als auch mir sehr genehm – allerdings aus sehr konkreten Gründen!

Hochachtungsvoll und ein hoffentlich gutes Gelingen Ihrer Klassenfahrt

das Pantoufle

P.S. Vielleicht sollten Sie den vollständigen Betrag besser schon in diesem Jahr einziehen – wer weiß, wie es finanziell in den Familien nächsten Sommer aussieht.

wird eventuell noch fortgesetzt… mal sehen,wieviel Humor der Kerl hat….

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Eine Antwort zu Surfen in Greifswald

  1. Alter Nihilist schreibt:

    Den Text hätte ich früher gebrauchen können. Viel Erfolg mit dem Kerl weiterhin. Möge es Zementa helfen. 🙂

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