Cleeverbeck geht eigentlich gar nicht!

Viele Leute gibt es nicht, mit denen ich mich umgebe – will sagen: Ausgehe, eine Nacht mit einer Batterie Weinflaschen verbringe oder einfach nur auf einen Kaffee einfalle. Das liegt an… ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht! Hauptsächlich wohl daran, daß ich eigentlich sehr gerne alleine bin.

Eine Ausnahme ist Cleeverbeck. C.C. Cleeverbeck. Der Vorname tut nichts zur Sache, ebensowenig wie sein Beruf, über den ich im Übrigen auch gar nichts konkretes weiß. Er behauptet, für zwei große deutsche Tageszeitungen regelmäßig zu schreiben – ob das nun eine Kolumne ist oder ein flotter Zehnzeiler unter „Vermischtes“ … was es auch immer sein mag: Ich weiß es nicht und er erzählt es auch nicht. Oder er hat es erzählt und ich habe es nur nicht wahrgenommen. Seine gelegentlichen Satzfetzen, vagen Andeutungen oder leicht hysterischen Erzählausbrüche sind weder immer leicht zu ertragen noch in Gänze verständlich. Eher wie ein verbaler Regenschauer, bei dem man damit beschäftigt ist, trockenen Unterschlupf zu finden und keine Zeit für die Anatomie der Regentropfen hat.
Wir trafen uns zufällig auf der Straße. „Mensch: Na endlich! Ich habe Dich mindestens 10 Male in den letzten Tagen angerufen… Du nimmst nie ab! Hast Du irgend was?“
Was ich habe, ist ein Nokia Comunicator! Das ist eines dieser neumodischen Telephone, die Knöpfe an Stelle einer Drehscheibe haben und bei denen man ganz automatisch – egal, ob man es wissen will oder nicht – darüber informiert wird, wenn jemand in Abwesenheit angerufen hat. Und Cleeverbeck hatte nicht angerufen.

„Cleeverbeck: Du solltest Sport treiben! Dein Körper sieht von Mal zu Mal herunter-gekommener aus!“
„Ich verbitte mir jede Kritik an diesem Gesamtkunstwerk, welches vor Dir steht und Du die Ehre hast, bestaunen zu dürfen! Gnädig, wie ich nun einmal bedauerlicherweise bin, erlaube ich Dir, mich einzuladen. Auf einen Kaffee! Oder noch besser etwas zu essen! Ach: Lass den Kaffee weg und lass uns was ordentliches zu Trinken bestellen!“

Cleeverbeck als Mann der Tat, wenn er nicht zu bezahlen braucht, hatte auch gleich ein Lokal auf der anderen Straßenseite erspäht; die Straße, die er nun armwedelnd überquerte mit einer „lassen sie mich durch: ich bin Arzt“ Attitüde. „Das sieht doch gut aus! Restaurants, bei denen sich die Speisekarte an der Tür aufgrund von Feuchtigkeit wellt, sind ja auch nicht so teuer. Normalerweise!“
Ich schätze Menschen mit Sinn fürs Detail.
Freie Tische gab es genug und auf einen Kellner, der ihm einen davon zuweisen würde, wollte er nicht warten und so steuerte er also durch die engste Stelle zwischen den besetzten Tischen einen freien Platz an… „entschuldigen Sie: Wenn Sie mal eben…“ Stühle rückend und Unruhe verbreitend fand er einen Tisch. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der Platz ruhig etwas weiter weg von den anderen Gästen sein können, aber Cleeverbeck braucht Publikum. Er ließ seinen massigen Körper geräuschvoll in den knirschenden Stuhl fallen, prüfte die Wackelfreiheit des Tisches und sah sich suchend nach einer Bedienung um. C.C. Cleeverbeck war angekommen!

Das Ritual, nachdem man sein Gegenüber zunächst höflich nach dem werten Befinden befragt, erledigte er kurz und schmerzlos, um übergangslos und ohne eine Antwort abzuwarten, anzufangen, zu erzählen. „Ist Dir eigentlich mal aufgefallen, daß man früher den Kindern sagte, daß, wenn sie alles aufessen, es am nächsten Tag schönes Wetter geben würde? Heute haben wir fette Kinder und die globale Erwärmung… irgend etwas ist da schief gelaufen!“ Zum Beweis zeigte er auf ein deutlich übergewichtiges Kind am Nebentisch, das an seinem Eis nuckelte. „Kulturkampf zwischen Ehec und Milchschnitte! Mach dem Balg jetzt noch glaubhaft, das es völlig normal sei, dumm, ungebildet, ordinär und fett zu sein: Dann hast Du den idealen Staatsbürger!“
Die Familie am Nebentisch entschloss sich, nach dem Essen noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen.
„Kinder sind doch etwas schreckliches! Man sollte verbieten, sie mit in Restaurants zu nehmen. Sieh nur!“ Er betrachtete den Rest des Eisbechers, in dem das „Bananasplit mit Zuckerstreuseln“ in einen anderen Aggregatzustand übergegangen war. Ein lind grün-grauer See mit den aufgeweichten Resten einer Waffel wurde vom Kellner entfernt und hinterließ einen runden, zuckerigen Abdruck auf dem Tisch. „Ekelhaft, nicht wahr?“

Es gibt eine schwer zu ertragende Gattung von Menschen, die bei der Bestellung des Essens sich nicht mit der Zusammenstellung der Gerichte abfinden kann. Lamm mit Frühlingskartoffeln und Bohnen wird grundsätzlich mit Reis und Zucchini bestellt, Barsch mit frittierten Kartoffelecken anstelle der vorgeschlagenen Beilage – der Koch an sich ist dumm und phantasielos! Nachdem Cleeverbeck nach diversen Veränderungen vorhandener Zusammenstellungen gefragt hatte, wählte er Carpaccio mit Melone und Spaghetti Carbonara – für seine Verhältnisse eine überraschend schmerzlose Bestellung.

„Hast Du schon einen Wein?“ Ich suchte noch – einen Franken oder von der Mosel, der Schönen, während mein Gast die politischen Ereignisse der letzten Tage durchhechelte. „Was macht dein Geschreibsel? Der Schrottplatz oder wie das Ding heißt?“ Ach… ich wäre faul gewesen! Nein, nicht faul: Anderweitig beschäftigt. Meine Leser hätten die Zeit damit verbracht, sich altes Zeug von mir durchzulesen und außer einem resignierten Abgesang auf Fleischhauern wäre mir nichts Rechtes eingefallen. Was Neues? Tja… ich hätte da eine Geschichte aus dem schwedischen Nationalmuseum in Stockholm… „Sex im Wandel der Jahrhunderte“… eher nicht jugendfrei, aber sehr schön anschmiegsam zu lesen, wenn man an so etwas seine Freude hat. „Mach das Junge! Mach das! Sex sells!“

Cleeverbeck war damit beschäftigt, rohe Rinderscheiben um die Melone zu wickeln. Handwerklich unbegabt, wie er ist, war auch dieser Anblick höchst jugendgefährdend. Misstrauisch besah er sich sein Werk und kaute drauflos.
Ja, und da wäre noch so eine Idee von einem, der nach Matthias Matussek gefragt hat. „Der vom Spiegel? Dieser Freizeitkatholik?“ Ja, genau der… nein, ich wüßte auch nicht mehr, als die oberflächliche Wikipedia hergäbe. „Kennst Du eigentlich auch nur einen Katholiken, auf daß Du darüber schreiben könntest?“

Ja, ich kannte mal eine… meine Tante Karina. Nonne. In einem Spital, wie das früher hieß, der Apotheke. Tante Karina klaute. Blumen, Uhren, Bücher: Wenn etwas zu lange am selben Platz war, legte sie es ein kleines Stück weiter, dann noch etwas weiter und wenn es niemandem auffiel, war es am nächsten Tag verschwunden. Natürlich nahm sie es nicht für sich selber, sondern verschenkte es an die Bedürftigen. Sie stieg auch schon mal über einen Gartenzaun, nahm ein Messerchen aus ihrer Schürze und schnitt einen schönen Strauss Blumen für meine Mutter. Diese Dinge gehörten niemandem – nur den Menschen, denen es Freude bereitete. Also wurden Produkte unabhängig von ihren kapitalistischen Besitzverhältnissen umverteilt. Ich habe sie einmal gefragt, ob sie das beichten müsste, bei der Mutter Oberin oder einer anderen Instanz ihrer Firma. Nein, das brauchte sie nicht – es wäre schließlich kein Unrecht, auf die Dinge zu achten, auf daß sie in die rechten Hände kämen. Mit dieser Logik war sie im Reinen mit sich und ihrem Herrn Jesus, dessen vollkommene Zustimmung sie einfach voraussetzte. Welche weltliche Instanz sollte da noch ein Mitspracherecht haben?

Sie arbeitete bis ins hohe Alter von 97 Jahren in ihrem Kloster, lebte in einer kargen Zelle, die man von Rechts wegen keinem Strafgefangenen zumuten dürfte und hatte als einzigen persönlichen Besitz die Bibel ihres Vaters neben ihrem Bett. Sie starb, wie sie gelebt hatte: Aufrecht in der Gewissheit, das Richtige getan zu haben und einen kleinen Teil ihres ewigen Himmelreiches schon auf dieser Erde erlebt zu haben.

Mir erzählte sie irgendwann einmal, das sie mich jeden Abend in ihr Gebet eingeschlossen hätte. Es war in meinen „wilden Zeiten“ und mir ist nie etwas zugestoßen, aus dem ich nicht halbwegs unbeschadet wieder herausgekommen wäre. Ehre ihrem Andenken und dem kleinen vergoldeten Medaillon mit dem Gesicht der gütig lächelnden Schwester Karina.

Cleeverbeck fiel in die Pasta ein und spülte den vollen Mund mit einem Glas Wein hinunter. „So,so – sehr interessant! Aber so tränendrüsige Geschichten willst Du ja wohl nicht veröffentlichen! Übrigends nicht schlecht, der Bocksbeutel! Aber was ist jetzt mit Matussek?“
Mit diesem Mann sollte man einfach nicht essen gehen!

Fortsetzung folgt…

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25 Antworten zu Cleeverbeck geht eigentlich gar nicht!

  1. der_emil schreibt:

    “Fortsetzung folgt …” — hoffentlich bald!

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    • pantoufle schreibt:

      Emil!! Nu warte doch mal ein wenig! Ich bin doch gerade erst fertig geworden… bastele als Entspannung gerade an einer Kürzestgeschichte mit Bild über „das lag schon da“. Irgend etwas gaaanz blutrünstiges schwebt mir da vor. Mal sehen, ob ich einen Verleger finde 🙂

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  2. studerpr99 schreibt:

    Gott ja die Tante!
    Ich ging einstens mit ihr über einen Flohmarkt ! Ich wäre fast im Boden versunken- da hat sie aber richtig Beute gemacht! Schön das Du die liebe alte Dame einmal wieder hervorgeholt hast- jetzt gehen mir wieder allerlei Dinge durch den Kopf.
    Gruß auch an CCC

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  3. Frank Benedikt schreibt:

    „Gekauft“ 😉

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  4. Fanny schreibt:

    Eine schöne Ehrung an eine interessante Tante !

    Aber wo bleibt denn Miles ???

    Liebe Grüße,
    Fanny

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    • pantoufle schreibt:

      Lieblingsfranzösin!! Ich dachte schon, Du liest mich nicht mehr! Damit wäre doch ein Viertel meiner Leserschaft weggebrochen und diesen Schlag hätte ich nicht überlebt. Ach – ich ruf Dich besser mal an und lade Dich ein… eine Flasche Wein und Dich geniessen 🙂

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  5. Derek Jefferson schreibt:

    -Hätte ich ein klares Urteil über die Verhältnisse des Lebens, wäre ich vielleicht Katholik. Oder Buddhist –
    -Zur Klärung der Pub-Frage-
    -Baron John Maynard Keynes-

    Guten Tag sehr geehrter Herr Pantoufle

    Ich bin Ihnen ja eine Antwort schuldig, möchte aber nicht mit der Tür in Ihr Haus fallen. Darf ich hier Platz nehmen wäre zunächst meine Frage?

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    • pantoufle schreibt:

      Selbstverständlich ist hier immer ein Platz für Sie. Es ist etwas ruhiger – der Kreis der Ineressenten an sentimentalen Geschichten ist immerhin endlich. Willkommen auf der Schrottpresse.
      best regards
      Daniel

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  6. Derek Jefferson schreibt:

    Herzlichen Dank!
    Ich werde Ihnen angemessen antworten zu einem späteren Zeitpunkt und dies würde Raum nehmen.
    Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus, sondern ein! Das wusste nicht schon Goethe und Schiller! Mit Goethe, dem Kulturmenschen, halte ich es heute lieber, maß und gönnte er doch dem Menschen wenigstens zwei gute Flaschen Weines am Tag zu. So werde ich es heute also halten, begehe ich doch meinen 62. Geburtstag.
    Durchaus allein, aber nicht einsam, denn der deutsche Wein ist deutlich besser als der englische- Sie verstehen schon!? Wer dem englischen Wein abschwört, stellt nicht zugleich die Freiheit in Frage! Bleibe Schiller bei seiner Kunst der Freiheit heute also allein, denn ich glaube er hat nur geschnupft.
    Über die Verhältnisse und Urteile des Lebens also ein anderes Mal. Cecil Scott Forester wird mit mir den Abend verbringen- ein Engländer der so english ist, dass das ganze Empire noch heute sentimental wird. Sollten Sie einmal Gelegenheit haben ihn zu lesen, meine Empfehlung, die Zeit vergeht wie im Fluge. Sie werden ein Großbritannien kennenlernen, das nie war, noch wird, aber den Schlag des englischen Herzens gut dokumentiert.

    Also Herr Pantoufle-Herzlichen Dank- ich begebe mich mit Goethes Flaschen nun in die Long Rooms

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    • pantoufle schreibt:

      Erst 62?? Meine allerherzlichsten Gratulation an dieser Stelle von mir und meiner Frau! Einen wunderschönen Abend im Kreis des keltischen Gürtels – zu dem gehört das schöne Cornwall ja wohl. Breite Vokale mit Humor.
      C.S.Forester? Den kenne ich wohl! Mit ihm habe ich als 12jähriger meine erste Weltumrundung gemacht. Wir waren auf den westindischen Inseln, haben während langer Wintermonate französische Häfen belauert, um westlich von Ouessant die spanischen Galeonen abzufangen. Natürlich ohne Interessen an Prisengeldern – wir beide waren nur verpflichtet dem Ruhm der Navy seiner Majestät. Die lange Flucht durch Frankreich, Marie und der gütige Graf. Raketen auf Riga und Brown als Stütze im Alter. Mein Stolz, als ich die Passagierboote in Birmingham wiedererkannte, mit denen er und seine erste Marie die Reise über die Kanäle nach London unternahmen, bei der er so nasse Beine bekam wegen dem betrunkenen Treidelkutscher. Ich stand hinter Hornblower, als er auf die Taucher wartete, die den Silberschatz der Speedwell bargen – ich stahl mit ihm die „Witch of Endor“… alle Abenteuer, die großen und die kleinen russischen Lieben habe ich mit ihm durchlebt und tue es von Zeit zu Zeit immer noch.
      Später fuhr ich selber zur See und begriff die Idee eines Seeoffiziers. C.S. Forester? Muscheln an Holzplanken, die man im Salzwasser liegen lässt. Ideen für Geschichten. C.S.Forester? Einer meiner Helden – vielleicht auch einer der Gründe, die mich nach England trieben.
      Heute ist Ihr Geburtstag, zu dem ich Ihnen alles Gute wünsche, einen Mantel gegen den kalten Wind und den Regen. Und selbstgestrickte Handschuhe. Einen Sherry auf Ihr Wohl!
      Hochachtungsvoll
      Pantoufle

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  7. Derek Jefferson schreibt:

    Flag the Colours

    Das Unwohlsein über die Verhältnisse, welche Sie in Ihren ersten Zeilen beschreiben, brauchen Sie nicht dahingestellt lassen, denn tatsächlich; ist nicht gerade dies zunächst unsere Triebfeder einem moralischen Ariadnefaden folgen zu wollen? Und eben, schritten wir zur Tat; ergäbe sich nicht auch zwingend Gründe zum Bewusstsein statt Unwohlsein, dürfen wir es also dahingestellt sein lassen? Gerade also in dem Augenblick, wo es: “… im täglichen Leben zu überwinden gilt (…).. die Gleichgültigkeit, die Arroganz der Macht, das „nicht mehr hinterfragen“ und den Mangel an Entrüstung.“ Erfordert nicht auch veröffentlichte Entrüstung klares Urteil? Insofern man hier überhaupt nur eine reine Begrifflichkeit anwenden will und hier argumentieren Sie recht, ist der Aufkleber am Revers, der in der Regel ohnehin zumeist in Fußgängerzonen, oder ähnlich räuberischen Erpressungsstrecken verpasst wird, höchst überflüssig. Möchte ich überhaupt einen Begriff anwenden auf dasjenige, was sich äußert in Ihren Überwindungsfragen, so dürfen wir durchaus einmal von einem individuellen Anarchismus ausgehen und der kennt noch keinen Aufkleber. (Ich weiß, diesen Begriff scheut die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser- aber noch ist die Lunte ja nicht gezündet)
    Wenn Sie erlauben, möchte ich einmal eine kleine Exkursion vorschlagen. Und bitte, nehmen sie es jetzt nicht als eine Voreiligkeit, wir können die Missverständnisse welche sich hieraus ergeben an späterer Stelle klären. Notfalls lassen Sie es von Ihrem Kampfgefährten Oskar einfach zerbeißen.
    Sie antworten mir nun: „Bezüglich des „ethischen Materialismus“, auf den Sie wohl ansprechen, überlasse ich dessen Beantwortung und gegebenenfalls dessen Überwindung bekannten Sachbuchautoren wie Karl Marx oder John Maynard Keynes“.
    Ich würde es nun nicht zunächst „ethischen Materialismus“ nennen, sofern ich berücksichtige, was bei meiner Intervention bei der Opalkatze eigentlich gemeint war, sondern; die moralische Reaktion einer ethischen Individualität. Dürfen wir es denn den Sachbuchautoren überlasse, unseren Materialismus zu überwinden, obschon Karl Marx und Keynes hierzu ganz bemerkenswert wenig zu sagen haben? Hier scheinen wir doch an einer Schwelle zu stehen, an der wir gezwungen scheinen in moralischer Hinsicht individuell zu reagieren, zunächst ohne die Frage zu beantworten zu müssen, ob Idealisten oder Materialisten im Recht sind. Bedenken Sie bitte, ob wir hier wirklich passiv bleiben wollten.

    Keynes ist ja sehr beliebt bei den jungen Volkswirtschaflern in Deutschland und es wäre in weitesten Kreisen ein Sakrileg gegen ihn anzutreten. Ich will es trotzdem tun, wenn auch in einem nur kleinen Hinweis.
    Keynes hatte in den Jahren kurz nach dem 1. Weltkrieg im britischen Schatzamt unter anderem die finanziellen Folgen des Krieges zu bearbeiten. (The economic consequences of the peace by John Maynard Keynes C. B. Fellow of King’s College, Cambridge) Was Keynes hoch anzurechnen sein soll, ist der Umstand, dass er damals als einer der Wenigen überhaupt sich die Frage vorlegte, ob unter den Forderungen der Siegermächte, wie sie von Clemenceau, England unter Lloyd Georges und dem „naiven Wilson“ vorgetragen waren, wie Keynes betonte, eine im wirklich volkswirtschaftlichen Sinne begründete Zukunft Europas überhaupt möglich wird.
    „Was unter dem Einflusse dieser drei Persönlichkeiten geschehen wird“, so Keynes „wird die wirtschaftliche Zerstörung Europas herbeiführen“. (Sie können sich vorstellen, dass er in seinem Amte nicht alt geworden ist) Nun könnte man auf den Gedanken verfallen, dies, was sich hier wesenhaft in Keynes äußert wäre mehr als nur ein Anfall von Altruismus gewesen. Verfolgen wir aber seine Gedanken weiter, so müssen wir eben feststellen dass er sich eher sorgte um Englands Wirtschaft, denn hier, so sah er es voraus, würde England in elende chauvinistische Schlünde hinab gerissen und folglich ruiniert.
    Immerhin ist es seiner Persönlichkeit zu danken, das er in modernen Volkswirtschaften diejenigen Kräfte als wesentlich ansah, welche passive Lebensanschauung und herrschende Machtpolitik überwinden helfen. Keynes war auch eine Persönlichkeit, jetzt wird es für uns beide amüsant, welche die Überlassung oder Überwindung eines ethischen Materialismus durch Dritte eigentlich strikt ablehnte. Bei Keynes sollten gewisse materialistische Spielarten, die in das Volkswirtschaftliche hinreichen, aus der Individualität selbst, aber nicht mehr aus den politischen Machtverhältnissen heraus überwunden werden. Allein was sich hier ergibt aus Keynes privaten Anschauungen und denjenigen des Volkswirtschaftlers allerdings, seien seine Thesen zumindest als zweifelhaft erkannt. Ist man dessen eingedenkt, so überlasse man weder Keynes, noch Marx oder Fleischhauern das Achterdeck der klaren Urteile.
    Letzthin möchte ich jedoch gar nicht in irgendeiner Weise einen Tadel in Ihre Richtung auswerfen .Meine Intervention bei der Opalkatze hatte einen ganz anderen Grund.
    „Man darf und muß sich aber hinsetzen und auf den Mangel an Lebensweisheit, die Abwesenheit von Humor und Moralität hinweisen“……. so schrieben Sie nun.
    Das ist recht bemerkt, aber nicht eben einfach zu realisieren, denn es dürfte darauf ankommen wie man es sagt. Ihre Beschreibungen in Slice of reality, Duxford und anderen Geschichten, haben alle diese Aspekte von Lebensweisheit, Moral und Humor bereits in einer sehr feingründigen Art. Ihre Verbeugung vor Maria die in den Katakomben der Metropolis haust, ist mehr als ein feiner Beweis menschlicher Größe und Ihr Verhältnis zu Ihrem privaten Kellnerbesteck ist Sensation. Es ist nicht jedem gegeben einen Korkenzieher mit Persönlichkeit auszustatten, oder seiner diebischen Tante einen so schön vergoldeten Nachruf zu verfertigen.
    (Diese Art feines Witzes ob eines Kellnerbestecks, kann ich vielleicht am besten nachvollziehen, da ich selbst einen erkläglichen Teil meiner Karriere damit zubringen musste Gefäße zu öffnen. Ich habe Bomben älterer Bauart und ähnliche Behältnisse mit moussierendem Inhalt eröffnet, weiß also was es bedeutet, den Korken nur in eine Richtung aus der Flasche zu bekommen.„Chefbehandlung“ist Vorraussetzung und einer der Gründe dafür, das außerordentlich wenig Unfälle geschehen, selbst dann, wenn man es mit einem Choleriker vier Meter unter der Erde, oder einem Phlegmatiker mit Langzeitgedächtnis zu tun hat, der sechzig Jahre in einem Dachstuhl behaust war .In jedem Falle sollte man ein guter Diagnostiker sein. Das gilt für Sprengmittel wie für Amerone)
    Wie immer- alles das, was in Ihren Geschichten schon so transparent wird, immer da, wo Ihre Hinneigung zum allgemein Menschlichen, anderen Wesenshaftes enthüllen, dort zeigt sich ein so edles Fundament. Duxford:„This was their finest hour! Nicht jeder hier wird damit etwas anzufangen wissen. Hut ab vor Ihrem respektvollen Takt und seinem vorurteilslosen Blick.

    Ihre Attacken im Fleischklopfer lassen nun aber das, was Sie an Lebensweisheit, Moral und Humor einfordern, gänzlich vermissen. Vermisst ist hierin, was bereits in ihren Geschichten als edel erkannt werden kann und im Grunde Ihr stilistisches Mittel sein sollte, aber hier nicht ausgearbeitet und übertragen scheint. Die Opposition gegen die Fleischhauers hat jedoch nur dann einen Sinn, wenn den Lesern transparent wird „wodurch“ sich Polemik und Autorität unterscheidet. Fleischhuber bleibt ein Dummkopf auch wenn Sie ihm das Fell abziehen. Was glauben Sie, was darunter hervorschauen wird? Es wird dabei herausschauen, dass die Wirklichkeit auf die Illusion folgt. Es wird sich zeigen, dass die Fleischhauers selbst eine Inkarnation der gesellschaftlichen Illusionen sind, seit es adenauerte und achundsechzigste, weil es niemanden beliebte, Moralisches und Gesellschaftliches in gewisse menschliche Verhältnisse zu bringen.
    Arbeiten Sie als Autor heute heraus, das der Mensch als Individualität die letzte Instanz ist und nicht das Illusionäre eines Parteienprogrammes. Arbeiten Sie heraus, warum eine illusionäre Figur wie der Herr Fleischhauer nur Illusionäres verfertigt.
    Was den Matussek und das massive katholische Gebäude angeht, verstehe ich Ihr Interesse gut. Allerdings stehen hier die Dinge nicht so simpel wie beim Fleischhauer. Wenn Sie hier Hilfe oder Hinweise brauchen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

    mit den herztlichsten Grüßen

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    • pantoufle schreibt:

      Es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre, Sie auf ihrer vorgeschlagenen kleinen Exkursion zu begleiten. Umso mehr, als ich mir sicher bin, das wir uns über fragwürdige, beziehungsweise instrumentalisierte Begrifflichkeiten wie Anarchismus, Katholizismus oder Konservativismus hier nicht die Köpfe heiß reden werden – ich glaube in aller Bescheidenheit, in ihren Beiträgen eine Tendenz zu entdecken, bei bestimmten Wertbegriffen nicht an deren Verfallsdatum zu glauben. Bismarck und Angela Merkel trennen mehr als 140 Jahre, Papst Ratzinger verkörpert eben nicht 2000 Jahre abendländische Kultur und Gustav Landauer hat mit der RAF gerade mal zwei Buchstaben gemeinsam.
      Was den Hund Oskar angeht, so kann ich Sie beruhigen: Er ist ein höchst angenehmer Spaziergänger, der seine Haufen nicht mitten auf dem Trottoir ablegt und nur höchst selten nach den Rehen am Waldrand schielt… „mein Instinkt, Boss – ich kann nicht anders“, wie auch ich selber immer noch einer schönen Frau hinterher sehe. Solange wir beide dabei nicht pfeifen, eine lässliche Unart.

      „Dürfen wir es denn den Sachbuchautoren überlassen, unseren Materialismus zu überwinden… ?“ fragen Sie und die Antwort lautet selbstverständlich nein. Ich sehe sie tatsächlich eher als Leuchtürme in hoffentlich großer Entfernung, während jedes Individuum doch der zittrigen, unzuverlässigen Kompassnadel seines Gewissens zu folgen hat.
      Ich hatte ihren Gebrauch dieses Begriffs tatsächlich eher in seiner „unedelsten Form“, der des ethischen Materialismus verstanden; Mensch besitzt Güter – Mensch glücklich! Mensch besitzt viel Güter – Mensch viel glücklich! Die Überwindung des ontologischen Materialismus dagegen erscheint mir aus verschiedenen Gründen als unmöglich – wenn nicht sogar widersinnig. Der Kampf dagegen: Ja! Auch der Wunsch des Siegs, aber es gleicht dem Kampf gegen einen religiös besetzten Begriff des „Teufels“. Er ist letztlich nötig, weil der Kampf das Ziel ist. Ein ähnliches Dilemma wie der Begriff „Demokratie“. Nicht als Ziel, sondern als Weg. Das Ziel mag für den einen die klassenlose Gesellschaft sein, für den anderen die sozial stromlinienförmige, makroökonomische Marktwirtschaft – nur zwei dieser Leuchttürme an einer langen Küste. Die Qualität des Ziels verliert und steigt mit dem Weg dorthin.
      „Bei Keynes sollten gewisse materialistische Spielarten, die in das Volkswirtschaftliche hinreichen, aus der Individualität selbst, aber nicht mehr aus den politischen Machtverhältnissen heraus überwunden werden.“ Eben genau da! Diese Überwindung kann nur auf einer individuellen Ebene passieren – oder sollte es wenigstens. Eine der immanenten Schwächen in der Diskussion über den Materialismus besteht meiner Einschätzung nach darin, daß das Ergebnis verdächtig oft reiner Idealismus ist – der Teufel ohne Hörner und Schwanz.
      Der erkenntnistheoretische Materialismus und sein Gegenpart Idealismus stehen also nur als Wegesteine links und rechts der Straße. Die Antwort des Materialismus „nur Materie“ auf die Frage „was ist“, versagt schon beim Anlass der Trauer – der objektive Geltungsanspruch einer Idee im Sinne des „ontologischen Idealismus“ verneint das Individuum (das kann ich nicht dulden! Darin liegt ja der Hund begraben, wenn man sich die Geschichte Lenins und seiner unbegabten Nachfolger ansieht. Es war ja gar nicht die Idee per se, die den Schaden anrichtete!)
      Und seien wir ehrlich: Die große Versuchung des logischen Empirismus, auch Neopositivismus genannt, diese ganzen Probleme von Falschaussage, Dummheit, böser Absicht an ihrer Wurzel „des Satzes“ schon abzufangen und zu zerstören, die Sinnlosigkeit schon in der Entstehung und nicht in den unabsehbaren Folgen bestimmen zu können… Fleischhauern wäre einfach „babig“ und man müsste kein Herzblut vergießen! Wie man sieht, lauert das „Böse“, manchmal in Form des Materialismus, an jeder Ecke.
      Womit der unselige Name „Fleischhauer“ wieder fiel… ich will es auch recht kurz machen. Ich bin ihn und seinesgleichen leid – wenn ich Sie an dieser Stelle zitieren darf: „…ist sein moralischer Impuls auf etwas, was jedoch auf etwas Unmoralisches nicht zu wirken imstande ist […]“.
      Ich sehe sehr wohl das Dilemma, in dem ich mich befinde, auch die eigene Unfähigkeit, die begrenzten Ressourcen schriftstellerischen Talents und Bildung. Sie fragen, was ich zu sehen erwarte, wenn ich ihm sein Wolfsfell über die Ohren ziehe. Ein Schaf vermutlich! Ein Lämmchen, welches gotteserbärmlich „konversativ, konversativ“ blökt, während es sich vor Kälte zitternd einen aus Mitleid angebotenen Mantel mit einem große Anti-Atomaufkleber mit Anarchozeichen anzieht… weil es doch so kalt ist…
      Der Satz von Ihnen „Ihre Attacken im Fleischklopfer lassen nun aber das, was Sie an Lebensweisheit, Moral und Humor einfordern, gänzlich vermissen“ ist leider nur allzu wahr! Ich kann und will mich nicht entschuldigen beim wiederholten Lesen der letzten Artikel, die ich über Fleischhauer geschrieben habe, möchte die Niederlage nicht beschönigen. Eine verlorene Schlacht; oder auch zwei… was zählt das im siebenjährigen Krieg! Ich gebe die Hoffnung noch lange nicht auf, denen früher oder später die Hammelbeine langzuziehen. Gleichwohl stellt sich heraus, das meine Talente nicht in der messerscharfen Analyse und dem schnell geführten Schwertstreich liegen – wie Sie an anderer Stelle bemerkten: Ich bin langsam. Wie es mit dem Thema weitergeht, wird sich zeigen. Sicher nicht so wie in der Vergangenheit – dazu hätte es Ihres Briefes nicht bedurft… wenn ich mich korrigieren darf: des diesbezüglichen Teils davon.

      „Aber was ist jetzt mit Matussek?“ Das ist ein schwieriges Kapitel, wie Sie bereits andeuteten. Ein winziges Bruchstück an Antwort habe ich versucht mit der Tante – das, was ich an anderer Stelle mit der „Trivialität der Ereignisse“ zu benennen versuchte. Lässt man die politische Organisation oberhalb der katholischen Kirche einmal weg (kann man das überhaupt?) und konzentriert sich auf die philosophische Basis dessen, was da in den letzten 1500 Jahren entstanden ist, bleibt erst einmal ehrfürchtiges Staunen. Matussek würde nicht einmal den Platz eines Atoms darin in Anspruch nehmen können. Wie also anfangen? Langsam, wie ich bin, werde ich mich also erst einmal in die Scholastiker einlesen. Ich hatte immer schon ein Faible für den konversativen Flügel – Ihre Hilfe wäre mir dabei hochwillkommen.
      Oder ich überlasse die Antwort Cleeverbeck. Er hat gelegentlich eine zupackende, pragmatische, unsentimentale Art, die mir so oft fehlt. Man muß ihn nur in einem richtigen Augenblick daraufhin anstoßen. Ob er es mit den Tatsachen immer so genau nimmt, weiß ich zwar nicht… das ist dann wie oft bei Heinrich Heine: Wahr oder falsch: Aber ist es nicht schön formuliert?

      Mit ehrlichem Dank und vielen Grüßen nach Cornwall

      P.S.
      Friedliche Gesinnung. Wünsche: bescheidene Hütte, Strohdach, aber gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Türe einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mir die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden – Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.

      Heinrich Heine

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  8. Derek Jefferson schreibt:

    Guten Tag Herr Pantoufle

    Sie verstehen wenn ich jetzt zunächst aus Zeitmangel nicht direkt antworten kann? Deswegen will ich nur kurz humoristisch, und mit fröhlichem Augenzwinkern auf Ihre zwei großen Blöcke eingehen- auf den des individuellen Anarchisten- und dann auf denjenigen der es recht kurz machen will.
    Zu 1:
    Wussten Sie auch, dass Wittgenstein ein Patent auf Flugzeugpropeller erhielt?
    Zu 2:
    Die Idee zunächst die Scholasten zu lesen scheint mir dienlich, schon deshalb, weil bei sachgemäßer Anwendung ihrer Methodik rein jeder Standpunkt vertreten werden konnte! Cleeverbeck wäre hier also, zumindest als Praktiker und Mann der Tat, von Nutzen.
    Also, ich werde mich beizeiten kümmern um Ihre Antwort, jedoch noch ein Wort: Ich glaube Sie sollten vielleicht den Menschen Matussek heraushalten. Er ist zu einseitig! Darüberhinaus enthebt man sich der Schuld einen Zeitgenossen und Mitmenschen vorgeführt zu haben. (Ich spreche das jetzt gar nicht in Ihre Richtung, Sie werden verstehen was ich meine?) Sie bekommen die Problematik des „ massiven Gebäudes“ ohnehin an ihm nicht bearbeitet. (Wie Sie schon recht bemerkten in Ihrer atomistischen Betrachtung) Im Grunde wäre es für Ihre Idee viel besser, Sie hätten jemanden, der nicht schon alles in seinem Leben beantwortet hätte. (Darin liegt ja die Perfidität des reinen Katholizismus.) Durch diesen Katholizismus jedoch, kommen sie nicht an das universelle- also wirklich Katholische ihres “massiven Gebäudes“ heran.
    Vielleicht hilft Ihnen mein Hinweis auf Lessing; selbstständig einen Dialog zu entwickeln in dem sie eine( imaginäre) Figur anpassen können. Lessing hatte so einen Dialog entwickelt: „Ernst und Falk“. Die Hintergünde dazu werden ersichtlich aus seiner eigenen Betrachtung der Freimaurerei, allein ich möchte hier nicht näher darauf eingehen.
    Auf bald, mit recht herzlichen Grüßen und dem innigen Wunsch; dass Sie nicht konvertieren ….

    Derek Jefferson

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  9. Derek Jefferson schreibt:

    Guten Morgen Herr Pantoufle

    “De(m) erkenntnistheoretischen Materialismus und sein Gegenpart Idealismus“ müsste noch, der Vollständigkeit halber, der Enthusiasmus einverfügt werden, gilt es doch ein eher trichotomes Kunstwerk zu schmieden. Seit Moleschott und Büchner, die ich hier einmal materialistische Enthusiasten nennen darf, dürfen wir ja gespannt sein, ob die Ereignisse des reinen Stoffwechsels nicht doch noch zum Erkenntniswerkzeug und Fähnlein der letzten Rätsel des Lebens herbeigeordnet werden.
    (Ich glaube jedoch, dass diese letzten Grenzen der Erfahrung nicht überschritten werden sollten.)
    Sehen wir diesen Lebenstatsachen nun als Dreigestirn ins Auge, so sind wir eben einmal mehr gezwungen diese aufmerksam zu beobachten. Ich gehe hoffentlich nicht fehl, wenn ich auch in Ihrem Sinne die hier entstehenden Realitäten als „menschheitserlösende Übergangsregelungen“ zur Kenntnis gäbe. Im Weiteren gehe ich von der profanen- aber bewiesenen Tatsache aus, dass doch die Geschichte, sofern sie mit den gekelterten Segnungen guter Jahrgänge getröstet war, schon etliche Philosophie suspendiert haben dürfte. Das nur einmal zu unser beiden Trost.
    Nur Pflege und Wartung modischer Weltanschauungen sind auch durchaus nicht meine Sache. Wilde Täuschung darin, wie es ja jedem Tatsachenfanatiker, diesem Genius aller Sittlichkeit, immer anzuzeigen beliebig ist, allerdings auch nicht. Ich gebe Ihnen recht: Wo die Idee an sich nur begriffsbildend bleibt, kennt sie weder Schuld noch Schaden. Aber spätestens dort, wo der Dachstuhl der Kulturen brennt, wo wir uns zur Karikatur einer Idee gemacht haben, sollten wir den Notausgang suchen.
    ( Dieses okkulte Geheimnis der Selbstentzündung aber, ist noch lange nicht gelüftet)

    Was die “Idee per se “ angeht, sollten wir uns, bevor wir ihr untalentiert nachtraben, darüber gewiss werden, ob allein „Begabung“ nicht besser in einer Volkshochschule aufgehoben wäre. Die Apologeten Leninscher Theorie haben das durchaus unterlassen. Stellen wir uns das aber bitte so vor, wie die Verantwortung aller Mütter, welche ihren und den Nachbarskindern anzeigt, hier und eben “nur“ in diesem Sandkasten zu spielen, denn durch solcherlei Autorität kann gewährleistet werden, das abends die Hosen nicht zu voll, die Löcher in der Stirn nicht so tief und eben dennoch der Abwasch getan ist. Nur dort kann der Lebenswahnsinn freiheitlich rasen, wo die Realität sich zu helfen weiß, wo also Lebensidee und gesellschaftlicher Entwurf gewindelt werden sollte.
    Hier dürfen wir hoffen der Dummheit und bösen Absicht das Wasser abzugraben oder wenigstens hereinzulenken- allein; hierzu gehört wohl Einiges. Hier dürfen wir weiterhin gespannt sein, wie wir uns darin entwickeln, beim Flüchten aus brennenden Gehäusen nicht das Schuwerk zu verlieren.

    Wie, so fragen Sie nun, ist ein Anfangen angesichts ehrfürchtigen Staunens, alleiniger Betrachtung kirchlicher Politik und der Tatsache, dass Sie den Matussek gefeuert haben? Den Matussek gegen Ihren Cleeverbeck in seiner Eigenschaft als Musenkuss auszutauschen, erscheint mir nicht als das Dümmste. Wenn wir uns dazu herbeilassen würden hierin nicht zu verfahren wie ein Neopositivismus und dem Pflänzchen an der Wurzel nagen, wäre ich recht einverstanden. Ob Cleeverbeck darin bei der Wahrheit bleibt, darf anheimgestellt werden, denn dem Lieferanten trivialer Ereignisse braucht es gar nicht zu obliegen, über das Wahre- oder Falsche, letzte Entscheidungen herbeizuführen. „Real-Idealisten“ wie Cleeverbeck sehen ihr- und vermutlich das Heil der gesamten Menschheit, in der Zusammenstellung ihrer Mahlzeiten. Mögen die Köche noch so begabt sein, der Cleeverbecksche Realismus, bei seiner Auswahl der Sättigungsbeilage, wird sie alle vorführen. So habe ich ihn kennengelernt und so mag er bleiben- denn; er ist nicht der Schlechteste!

    Mangels Zeit muß ich einstweilen abschließen.
    Mit den besten Wünschen

    Derek Jefferson

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  10. Derek Jefferson schreibt:

    Sehr geehrter Herr Pantoufle

    Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet auf den Pub, den Sie aufsuchen könnten. Ich empfehle Ihnen zunächst Sen Ostell (St Austell) zu besuchen und einen Blick auf die ganze Gegend zu nehmen. Ich kann Ihnen über „den Pub“ wenig sagen, es darf jedoch als sicher gelten, dass die Küche Cornwalls mit Abstand die beste Großbritanniens ist. Sie werden wissen, dass die Pubs in England durchaus ein Eigenleben führen?! Gut- die Küche Cornwalls “kommt auf alle Fälle über die ganze Bahn“, wenn Sie mich verstehen wollen!?
    Um etwas weiter vorzudringen-

    „Die große Versuchung des logischen Empirismus, auch Neopositivismus genannt, diese ganzen Probleme von Falschaussage, Dummheit, böser Absicht an ihrer Wurzel „des Satzes“ schon abzufangen und zu zerstören, die Sinnlosigkeit schon in der Entstehung und nicht in den unabsehbaren Folgen bestimmen zu können… „

    Um Ihrer und meinetwillen mögen wir gerne auf den logischen Empirismus verzichten, auf was alles hätte ich zumindest verzichten müssen!?

    Als der Raum noch als Himmel galt, und nicht so trostlos relativiert, mit Engeln, allerlei Wunderwerk und Himmelschoir besiedelt war, hat er mir doch deutlich besser gefallen. Heute aber will schon meine Phantasie dieser tragischen Plattheit neuerer Physik kaum mehr folgen, sie wird, wenn sie mir nicht gleich an der Räude erkrankt, darin durchaus heimatlos. Ich versuche ab und an die Vergangenheit zu befragen, was sie mir so mitzuteilen hätte, nicht um die Wahrheit darin zu finden, sondern um ihrer Vergänglichkeit willen. Hier noch finde ich wenigstens einen Jules Verne, oder ähnliche Autoren, die noch mit Barock verzierter Technik den Mond bereisen durften. Unter den heute herrschenden, allein der geistlosen Nützlichkeit verpflichteten Vorstellungen, ist das ja bereits eine Unmöglichkeit. Dann aber werde ich regelmäßig sentimental und überlasse gerne die Kritik der neueren Himmelszustände den Wissenschaften, ja, oder den gesellschaftlichen Vorhaltungen der Schul-Philosophien. Ich will darin jedoch nicht sagen; dass sie, sondern was an ihnen geistlos sei.
    Kam früher das Christkind , für uns unzweifelhaft ein Himmelsgeschöpf mit Vollausstattung, so versteigt man sich heute dazu, selbst den nur irdischen Jesus in trockenster Manier zu psychologisieren, zu politisieren, mythologisch und historisch zu entzaubern und was dergleichen Philistereien mehr sind, wie also den Sumpf finsterer Vorstellungen den man trocken zu legen hätte. Hierin ist man dann gleich recht stolz auf sich, darf man doch erst als aufgeklärter Mensch gelten, wenn “alles Jenseitige“ zu Pulver zermahlen ist….. Glaubten wir in Engelserscheinung, wenn darin nicht Zauberei, so doch noch himmelsbefahrenen Götterboten zu sehen, so sausen heute in den alten Himmelssphären nur noch die hyperaktiven Abstraktionen elektro- magnetischer Effekte einher, deren Reiz, hinsichtlich einer Hebung unserer eigenen moralischen Phantasie, zumindest als dürftig erkannt werden darf. War unser Himmel einst mit dem schönsten Abendrot umkleidet, so waren die Hindeutungen meiner deutschen Großmutter, dass nunmehr die Engel in jener Stunde Brote buken, für uns voll sinnreichster Erklärung. Dass der Himmel in seinem Abendkleide, allein einem physikalischen Absorbtionseffekt zu verdanken war, konnten wir ja noch nicht wissen. Sucht die heutige Physik in ihrer glaubensleeren Spitzfindigkeit, das mechanistische- oder Quantengetriebene Weltenringen durch allerhand Zahlenwerk zu entsaften, Massen an den Lichtstrahl zu legen, in dem Versuch ihn umzubiegen und daraus die Weltenformel zu kürzen, so kannte meine Großmutter die Himmelsvölker alle beim Namen. Sie ertrug ihre Gültigkeiten als rechtens (warf ihr doch der englische Zweig meiner Familie Bomben aufs Haupt) und war sogar per du mit ihnen. Sie war also im klassischen Sinne esoterisch angelegt die Großmutter und hatte dann später in St Austell, sehr zur Freude meiner Schulkameraden, mit Lakritzen zurückgeworfen. Das hatte Anstand, wirklich. Mir selbst wurde dann später alles Esoterische, als das Erbwerk meiner Oma, in den Schulen und im Studium bis auf die Wurzel ausgerodet. Allein: Was Oma hinterließ, waren geprägte Wertvorstellungen ohne Verfallsdatum und darauf hatte man eben nicht gerechnet. Mein Diplom als Chemiker ging aber dennoch durch. Hier nun dürften Sie also richtig liegen, wenn bestimmte Wertbegriffe ohne Verfallsdatum angesiedelt waren.
    Über alles Katholische später……….

    Mit lieben Grüßen

    Derek Jefferson

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    • pantoufle schreibt:

      Sehr geehrter Herr Jefferson
      Auch ich habe schon beim letzten Mal nicht geantwortet – kein Desinteresse: Ein anderes! Nämlich der Erwerb einer neuen Kamera! Eine Pentax 645, Baujahr 1981 mit erstaunlich großen Negativen, wie ich sie schon immer haben wollte. Eine Art Lichtmaschine, bei der (nein, das mit dem Vögelchen ist ein Kindermärchen) eine Klappe fällt und die auf diese Art Löcher in die Zeit stanzt. Durch diese Löcher kann man auch noch nach 99 Jahren den Stapellauf der Titanic beobachten, das Elend des amerikanischen Bürgerkrieges (dessen Warnung vor dem modernen Krieg allerdings das Publikum nicht erreichte) und selbst von Benjamin Disraeli gibt es Bilder. Nicht den zappeligen Kintop des eingehenden 20ten Jahrhunderts, sondern ruhige, beschauliche Bilder. Gesichter, einen Gemüseladen, Stadtmauern – in irgend einem der kommenden Kriege zerstört und das Publikum, welches in der Mode der damaligen Zeit vor der Plattenkamera posierte. Nein! Sind sie wirklich so herumgelaufen? Diese Schuhe, diese Kleider der Damen und die großen Hüte? Haben sie sich wirklich so langsam bewegt, wie das grau-braune Papier es zu vermitteln sucht? Die alten Daguerreotypien vermitteln so viel Leere; im Sinne von „platz haben“, Ellenbogenfreiheit und Gelassenheit. Eine große Lokomotive rollt aus der Fabrik: Männer mit steifen Zylindern stehen vor diesem Haufen Eisen und Kohle – jetzt bitte nicht bewegen, Magnesiumblitz und Rauch, der Herr Photograph verschwindet im nahen Zelt und entwickelt die nasse Kolophoniumplatte und 100 Jahre später ist immer noch der Stolz, dieser grenzenlose Optimismus spürbar. Die Maschine, das kommende Zeitalter der Geschwindigkeit, der endgültige Sieg über die Natur. Die Herren waren dabei… der links im Bild stirbt ein Jahr später an der Schwindsucht, der junge Mann daneben mit der etwas schiefen Krawatte vermodert nur wenig später in Ypern, in einem diesem grauenhaften Massenmorde des großen Krieges. Jetzt aber stehen sie noch da mit gestärkter Hemdenbrust und sehen uns an, durch dieses Loch in der Zeit. Unsere Lokomotive!
      Es wäre meine Zeit gewesen! Das große Unglück meines Lebens, das ich nicht um 1870 herum geboren wurde! Jules Verne? Jules Verne ist nicht barock! Er ist ein victorianischer Ingenieur der neuen Zeit. Man nietet Stahl, die Schiffe dampfen schon (gut: Gesegelt wird noch weitere 80 Jahre, aber immerhin!) und baut Brücken über den Firth-of-Tay, der Fortschritt grenzenlos! Warum nicht mit einer Kanone auf den Mond zielen, mit der Propellerinsel das Luftmeer erkunden!
      Jules Verne starb etwa 20 Jahre vor der „Erfindung“ des logischen Empirismus. Er wäre, hätte er diese Zeit noch erlebt, einer seiner glühensten Verfechter geworden!
      Auf den Neopositivismus verzichten? Nein, das kann ich nicht ganz. Genau so wenig wie auf den Welten-Äther und die Miasmen. Und die unbesiegbare Dampfmaschine. In unserer heutigen Welt der phantasielosen Nützlichkeiten geben sie noch einen winzigen Eindruck davon – einen mikroskopischen Impuls – was wäre wenn… eine Schreibmaschine mit Dampf, ein Fluggerät mit Schwingflügeln, eine Heilung durch Glauben, die Macht eines Gedichtes.
      Dabei könnte es so einfach sein: Man finde einen Mann, der 5 Jahre seines Lebens an einer Glasscheibe für eine astronomische Optik schleift, einen Metallbauer, der eine Röhre und die Montierung dafür baut, einen Uhrmacher, der einen sinnreichen Mechanismus zu Steuerung erdenkt und den Maurer, der das Haus dafür baut. Wenn alles zusammengefügt ist, stellt man sich nach den langen Jahren ans Okular, stellt auf einen Stern scharf… sieht diese Myriaden von Lichtern und erkennt: So klein bin ich! Wissenschaft und der Zwang zur Erkenntnis ist die Unfähigkeit zur Demut.
      Ach, und wenn wir schon bei den Wissenschaften und der Dampfmaschine sind: Es gab da einen deutschen Ingenieur, Max Eyth, der zwischen 1861 und 1882 für den Landmaschinenhersteller John Fowler gearbeitet hat. Um die ganze Welt hat es ihn dabei getrieben und er hat darüber mehrere Bücher verfasst. Die sind in höchstem Grade lesenswert und erfreulicherweise inzwischen frei im Internet zum herunterladen verfügbar. http://gutenberg.spiegel.de/autor/157 . Es ist eine kluge Mischung von der Liebe zur Technik und den Menschen und der Zeit, in der er lebte und arbeitete.
      ….

      Über Ihre „Himmelsbetrachtungen“ mag ich mich gar nicht äußern: Die sind so schön und zauberhaft, das ich da lieber das Maul halte.
      ….

      Lesen muß ich heute Abend auch auch wieder: Der Pfarrer des Nachbardorfes hat mir schweren Herzens zwei dicke Wälzer über die frühen Mystiker der Kirche überlassen. „Ach, die Scholastiker wollen sie lesen? Recht so! Wird heute viel zu wenig studiert!“
      Sollte mich das jetzt stutzig machen? Jedenfalls stelle ich fest, das es eigentlich ganz amüsant ist, wenn mal sich erst einmal eingelesen hat. Wie in einem guten Krimi warte ich eigentlich die ganze Zeit auf Wilhelm von Ockham. Aber der kam ja erst später… schade eigentlich…
      Wenn es Sie beruhigen sollte, so sollen Sie wissen, das ich den Matussek links (oder rechts) liegen lasse. Das, was ich dabei lerne, macht mich anders. Also:

      6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich ver-
      steht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie —auf ihnen—
      über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen,
      nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden,
      dann sieht er die Welt richtig.

      7 Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

      Aber auch das sollte Sie nicht beunruhigen!

      Mit lieben Grüßen
      Pantoufle

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  11. Fanny schreibt:

    Einen schönen guten Tag die Herren,
    Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber würden Sie mir gestatten, mich in Ihrer Konversation einzumischen ?
    Zwar kann ich die Faszination von Herrn Pantoufle für die beschriebene Ära verstehen : der GIGANTISCHE technische und wissenschaftliche Fortschritt und die unglaubliche Schärfe und Haltbarkeit der damaligen Fotografien…
    Gewiss heben die Ingenieure und Besitzer stolz das Kinn und die Brust.
    Doch schauen wir uns die Fotos unserer Ahnen an : Ich habe mich schon immer gefragt, was uns die ernsten Blicke und stocksteifen Haltungen vermitteln wollen ? Selbst das Hochzeitspaar schaut geradezu finster.
    War es wirklich Stolz ? Purer Optimismus ?
    War es nicht eher der Ausdruck von übertriebener Strenge in den Schulen und Familien, von Unterdrückung bzw. Ausbeutung in den Fabrikhallen, den Verkaufsläden, den Haushalten ?
    Der Ausdruck von gesellschaftlichen Zwängen mit einer äußerst starren Vorstellung von Anstand und Moral ?
    Das Zeichen zahloser schwer überwindbarer Schicksalen ?
    Die aufsteigende Macht der Fabrikbesitzer mit muskulösen Ellenbogen und der tonnenschweren, lärmenden Maschinen, die im Laufe der Zeit die Menschen immer mehr ersetzen würden ?
    Beim Betrachten der Fotos aus jener Zeit vermisse ich lachende Augen, entspannte Gesichter, gar einen Hauch von Freude… Ich hoffe, es war nur die Ehrfurcht vor der Kamera, „die Löcher in die Zeit stanzte“.

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  12. Derek Jefferson schreibt:

    Liebe Frau Fanny
    Den Aquädukt ?
    Romani ite domum?

    Gruß Derek Jefferson

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    • Fanny schreibt:

      Lieber Herr Jefferson,
      Welch eine Überraschung, festzustellen, dass Sie sich (auch) sehr kurz fassen können. Nur… Muss ich mir jetzt unbedingt diesen Film (nochmal) ansehen, um Sie zu verstehen? Oder hätten Sie die Güte, Wasser auf den Aquädukt zu bringen – wenn nicht auf die Mühle ??

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  13. Derek Jefferson schreibt:

    Werte Frau Fanny
    Sich diesen Film noch einmal anzusehen lohnt immer. Darüberhinaus darf Ihre Feststellung, dass ich mich “überraschenderweise“ auch kurz auszudrücken vermag, als überhört gelten, zumal meine langen Ausführungen ja gar nicht an Sie gerichtet waren und so mag es Sie auch nicht bedrücken?! Wenn ich Ihre Fragen jedoch nun richtig verstehe, so solle man, wenn man also Moral hat, mit den Zeiten nun einmal richtig abrechnen, nicht wahr? „Der übertriebener Strenge in den Schulen und Familien, von Unterdrückung bzw. Ausbeutung in den Fabrikhallen, den Verkaufsläden, den Haushalten ? – Der aufsteigenden Macht der Fabrikbesitzer ect.-
    Was verstehen Sie denn unter “Zwängen mit einer äußerst starren Vorstellung von Anstand und Moral“ ?
    Moralische Intensionen in eine Photografie zu versetzen ist ohnehin ein Unding, schon weil es künstlerisch unwahr ist. Diese kann aus sich heraus nicht leben, sondern ist angewiesen auf die moralische Phantasie des Betrachters. Da können wir auch ein Kamel ausstopfen und den Glauben pflegen, solcherlei Mumie würde uns über seine Lebensverhältnisse Aufklärung geben wenn wir es denn nur lange genug anglotzten. Verehrte Frau Fanny, ich will Ihnen nicht verhehlen, das mich die gegenwärtige Zeit mit ihren untauglichen Versuchen, die Vergangenheit und deren Zeitgenossen einzig zu kritisieren, vorzugsweise moralisch anzugehen und letztlich doch nur zu „Moralisieren“, ausgesprochen wenig anspricht. Hat man sich heute erträumt ein Leben in moralischer Intension, so denken wir ja allenthalben und verfällt man ins Symbolisieren, so stellt sich heraus, dass man darin doch alsbald gelangweilt ist. Man weiß für sich selbst keine Lösung, desto mehr Lösung findet sich für die Anderen, vorzugsweise ja dort, wo sie gefehlt haben. Nun; mein Vater war Bergmann und deren Vater auch. Das war in Cornwall kein besonderer Umstand, denn eigentlich waren alle Menschen dort Bergleute. Meine englische Oma ist 1895 geboren und ein wesentlicher Anteil ihrer Autorität lag darin, dass sie, gewissermaßen als Opfer starrer Vorstellungen von Anstand und Moral, niemals, aber wirklich niemals ohne saubere Kleidung aus dem Hause gegangen wäre, so wie mein Vater eben im Dorfgang einen Hut trug und einen guten Überzieher. Was den Ausdruck übertriebener Strenge, die Ausbeutung in der Fabrikhalle usf. angeht, so darf ich Ihnen mitteilen, dass es bei uns zu Hause ohne Zweifel Ohrfeigen gehagelt hätte, wäre ich, wie Sie, auf den Tonfall eines Miner’s Advocate verfallen. Das hatte auch einen guten Grund, denn; eigentlich waren die Miner`s Advocates nicht gut gelitten- soferne es den Stolz der Bergleute anging- sie waren nämlich auch so schon die besten Bergmänner der Welt. Wollen Sie mich bitte verstehen? Mein Vater zog noch den Hut vor den Fabrikbesitzern deshalb, weil er darin den Stand und den Menschen achtete.

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  14. Derek Jefferson schreibt:

    The Garde is refeeting?

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  15. Pingback: Liebe Fanny | die Schrottpresse

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