Amsterdam ist…

Immer auf der Flucht vor den sich lautlos nähernden Fahrrädern, hier „Fietz“ genannt. Mit Speichenrädern versehende Mordgeräte, die nur zum Schein von Menschen gelenkt werden. In Wahrheit bestehen diese Maschinen aus Stahl, Aluminium, Gummi und dem Willen, mich zu töten. Die angeblichen Fahrer sind nur Tarnung: Kein Mensch würde es so grausam auf mich abgesehen haben – es müssen diese Maschinen sein!Millionen bevölkern die Straßen, geballte Intelligenz in der Masse – während ein einzelnes Fahrrad dumm wie Weißbrot ist, ergeben 50 Stück schon eine konkrete Bedrohung. Erhöht sich diese Zahl, nennt man das Krieg. Irgend ein Irrer hat mal gesagt, das Fahrradfahren gesund sei : Fragt sich nur, für wen!

In eine scheinbar sichere Ecke gedrückt, kann man Grachten ansehen. Grachten sind links und rechts mit Mauern versehene Wassergräben. Stellenweise gibt es auch Geländer am Rand, damit man auf der Flucht vor den Fahrrädern nicht ins Wasser fällt. Meistens aber nicht. Damit man nicht gleich ertrinkt, liegen tausende von kleinen Booten auf beiden Seiten der Grachten vertäut. Die Chancen sind also gut, statt ins Wasser erst auf einen dieser kleinen Kähne zu prallen. Dort wartet dann eine gemütliche Ankerwinsch oder eine kuschelige Edelstahlreling, um einem die Rippen zu brechen oder einen gepflegten Schädelbasisbruch davonzutragen. Mit ein wenig Glück wird man auch von einem Flaggenmast gepfählt oder bleibt mit einem Auge an dem hervorstehenden Nagel hängen, der das Schild mit der Aufschrift „Hier preisgünstige Vergnügungsfahrten“ fixiert.

Amsterdam ist tödlich.

Das Wasser ist graubraun, fließt langsam und die Blätter der Bäume schwimmen darauf. Tiefer, am Grund, dort wohin kein Auge sehen kann, treiben langsam die Skelette und halb vermoderten Kadaver der Fahrradopfer. In einem ungeordneten Marsch zu See, zur See. Gleichschritt, besser : Gleichschweben in der sanften Strömung. Die Knochen der Hand umklammern noch einen Regenschirm, dort die Handtasche, ein Hut schwebt einen halben Meter hinter dem Schädel. Punkerträume auf dem Grunde der Grachten, leise nickt der Körper mit der Lederjacke ohne Kopf zu der Musik von Nine Inch Nails. Die tote Mutter mit den wirren Rockfetzen dreht sich zur kleinen Kinderleiche um; halte dich nicht an diesem Pfahl fest, die zarten Finger werden an den Muscheln hängenbleiben… bleib bei der Mama, nimm ihre Hand, da bist du sicher vor Fahrrädern; zur See, zur See.

Amsterdam ist gefährlich…

Das mehr oder weniger beliebte Hotel „American“ verwöhnt seit längerem seine Gäste mit einem komplett rauchfreien Etablissement. Wieder einmal ein Service, den niemand bestellt hat. Ebenfalls bekannt ist die dortige Gastronomie. Die Küche ist für niederländische Verhältnisse wirklich zu empfehlen – leider führt der Weg zum Essen über die Bedienung. Um meine Liste „wie diese Welt wirklich funktioniert“ an dieser Stelle um eine weitere Theorie zu erweitern, sei dies angemerkt : In mir keimt der Verdacht, daß es eine Gesetzmäßigkeit gibt, infolge derer die Größe der Bestellungen mit der Unverschämtheit des Kellners steigt.

In einfachen Worten : Das ungezogene und herablassende Wesen eines Kellners führt in der Regel beim unvorsichtigen Gast zu einer ebenso unvorsichtigen Reaktion, die sich etwa so beschreiben lässt : „Du glaubst, ich trinke hier nur ein Mineralwasser? Dir werde ich es zeigen! Kellner – eine Flasche vom Besten, du Idiot…die lasse ich zurückgehen, wegen Korken oder der Farbe des Etiketts! Haha, „Fang des Tages“ : Seit Tagen frage ich und jedesmal sind`s Muscheln! Sag deinem Taucher, er soll eure Grachten nach etwas anderem durchsuchen! Dich mach ich zur Schnecke a`la Saison und dann gibts bestenfalls 50 Cent Trinkgeld“

Später nach dem Genuss „vom Besten“ wallt der Größenwahn im Gast und die Höhe des „Tip“ zaubert ein Grinsen ins Gesicht des Bediensteten, die sich nur mit „Hat es doch wieder mal funktioniert“ übersetzen läßt. Ich empfehle das Restaurant dieses Hotels nur mit einer vollständigen Kollektion an Kleingeld, um beim Bezahlen der Rechnung den Betrag auf Heller und Pfennig passend parat zu haben!

Meine Sturheit überwand den Weinkellner, der mit viel Mangel an Talent mit dem Rotwein jonglierte und den Essen-Austräger (das Wort „Kellner“ wäre hier wirklich fehl am Platze) : Nur beim Nachtisch…da gab es warme Äpfel auf einem kleinen Pfannekuchen mit Zucker und Zimt, Vanille, 2 Kugeln Eis und Sahne… es schmeckte wie ein vergnügter Nachmittag bei der Großmutter. Da sah eine junge Kellnerin mein Gesicht und wir mussten beide sehr lachen.

Die stille Wut setzt sich am Morgen beim Verlassen des Hotels fort – 24 Stunden Internet und eine handvoll Bier aus der Minibar werfen bei den Kollegen die Frage auf, ob ich das Hotel kaufen wollte. Nein, wollte ich nicht. Eigentlich würde ich gerne schnell weg von hier. Zu viel Amsterdam, zuviel Tage in dieser Touristenfalle.

Amsterdam ist teuer!

Glücklich der morgendlichen Fahrradattacke entgangen und in den Bus gesprungen. Wir sind ein wenig unkomplett. Das Catering hat uns verlassen und mit ihm Dee aus Neuseeland. Sie hat mir mit ihrer Freundlichkeit und Fürsorge jeden Morgen verschönt. Die Mutter der Kompanie ist zurück in England.

Aber der Rest ist ja zum Glück noch da, zum Glück, weil das nämlich eine schöne Tour ist, auf der man in Ruhe und unter weitgehend zivilisierten Bedingungen arbeiten kann. Und wenn es mal nicht ganz so zivilisiert zugeht, wenn das Licht die Produktion bin zum Mittag komplett blockiert, dann wird eben noch ein Tee mehr getrunken und mit angefasst – es wird schon werden. Überhaupt hinterlässt diese Reise gar keine Spuren. Schwerelos reisen wir durch Europa und eigenartigerweise scheint es mir, als wären wir erst vor Tagen losgezogen und nicht vor einem Monat. Wären wir ein Jahr unterwegs, müßte man mir wahrscheinlich erklären, das es sich bei Schneefall um den Winter handelt. Ich könnte ewig so weiterziehen – es ist auf eine unbestimmte Art „sinnlos“. Sehe ich mir Bilder von Zuhause an, die Frau, die Kinder und mein Haus, so erscheint mir das im Moment so entfernt wie nie zuvor. Jetzt aber sind es noch ein paar Tage, die wir durch Skandinavien fahren – danach soll ich etwas anderes machen, was an diesem Tag ganz und gar unvorstellbar ist.

Was hier eigentlich anders ist, kann ich kaum beschreiben. Es ist wie eine Jahreszeit : Es ist Herbst, ein schöner warmer Herbst, bei dem jeder versucht, soviel von der warmen Sonne zu genießen wie möglich. Ein klein wenig Regen : Das ist noch kein Schnee!

Das einzig enttäuschende, was mir im Moment einfallen will, ist das Buch, auf dem ich seit Tagen herumkaue : Edelmütige Langeweile von Eduart v. Keyserling. Tucholsky hat 1920 schon einen heftigen Verriss über diesen Herren geschrieben. Hätte ich doch bloß auf ihn gehört! Ach so fein und seelenvoll, dieses Verständnis und diese empfindsamen Seelen! Falsch verstandener Fontane, Thomas Mann ohne Talent, Knut Hamsun ohne Poesie. Marcel Reich-Ranicki schreibt in seinem Nachwort zu diesem Buch, das Keyserling nicht gerade zu den Großen gehört – wohl wahr, Herr Ranicki – aber immer wieder gelesen wird. Ja : Von unvorsichtigen Lesern wie mir, die sich von einer bezaubernden Bücherverkäuferin aus Dortmund diesen Schmarrn hat aufschwatzen lassen! Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Ich war auf der Suche nach Schwarzbrot, fand Golo Mann und wäre damit auch gegangen, wäre nicht „sie“ da gewesen, die frei dem Grundsatz folgend „Wer das gekauft hat, ist auch an diesem Artikel interessiert“ mir diesen süßlichen Zuckerguß aufs verwirrte Auge gedrückt hätte. Wenn ich die wiedersehe! Das gibt zur Strafe 2 Kapitel aus Kaffkas „Amerika“, die besten Stellen aus Paul Harthogs „Jan Vandelaar“, Turgenew links und rechts um die Ohren und zum guten Schluss muß sie mit mir eine Flasche Rotwein trinken und hundertmal bei Kerzenlicht, welches durch unsere Gläser schimmert, sagen : „Ich werde Dir nie wieder Eduart v. Keyserling verkaufen!“ Dann werde ich ihr großmütig verzeihen und sie auf ihren roten Mund küssen.

Ja, das werde ich machen, sollte ich jemals wieder nach Dortmund kommen.

So: Und diesem Keyserling sei noch mit auf den Weg gegeben, das ich jetzt weiter Eugen Roth lesen – Radedzkymarsch! Der kann nämlich wirklich schreiben und hat auch was zu erzählen… von dieser grauen, untergehenden Donaumonarchie und ihren hoffnungslosen Figuren, die diesem Kadaver versuchen, einen Sinn zu geben und mit ihm in den Gräben des ersten Weltkrieges, dem Großen, untergehen.

Eduard von Keyserling! Das ich nicht lache!

Amsterdam ist Geschichte….

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3 Antworten zu Amsterdam ist…

  1. opalkatze schreibt:

    Ich sach gezz ma nix zu der durchgehend freihändigen Namensschreibung, aber das heisst Fiets mit ts wie Tomate. Pöh.

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    • pantoufle schreibt:

      Das ist jetzt genau das, was ich auf diesem unseligen 1400km Trip mit dem Bus hören möchte. Der eine der Busse ist bereits im Arsch und in Frankfurt stehen geblieben, ein Teil fliegt und ich besaufe mich jetzt, träume von einer Bücherverkäuferin! Morgen um 6:30 Uhr gehts weiter – sollten wir jemals heile da ankommen.
      Was die Geschichte betrifft: Es ist eine schöne Geschichte! Ich mag sie! Schreibe Du mal ne Geschichte auf dem Bus mit einer Internetverbindung, die deutlich langsamer als ein Modem ist – nicht Baud, sondern Bit pro Minute! … ist auch gar nicht das Thema… Ich wollte es einfach!
      So!
      Wie gehts Dir sonst so?

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  2. opalkatze schreibt:

    Gestern ging’s noch 🙂 Und du hast dir mit den Namen wirklich Mühe gegeben. Und die Geschichte ist wirklich schön.

    Arme Socke, da scheinst du das große Los gezogen zu haben. Immerhin, Bus mit Internet ist besser als Bus ohne Internet. Gute Besserung! Laß von dir hören.

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