Duxford I

Schon wieder Wochenende – wie die Zeit vergeht! Was machen wir denn heute? In der Shuttleworth Collection sind heute „classic cars“. Das tu ich mir wegen Überfüllung nicht an! In Duxford ist morgen eine Flugschau mit uraltem Zeug. Das klingt besser. Der Kenner weiß, das die alten Vögel nicht so mirnix-dirnix aus der Halle geschoben werden und losfliegen, sondern am Tag vorher erst einmal gründlich durchgesehen werden und ihren Probeflug machen, damit am nächsten Tag auch alles klappt. Also das selbe Programm ohne 20.000+ Zuschauer, die sich gegenseitig auf den Füßen stehen. Kamera einpacken und hin!

An dieser Stelle kommt mal wieder ein Geständnis: Als Pazifist, der ich bin , habe ich wie alle Pazifisten gelegentliche Aussetzer. Bei mir sind es alte Flugzeuge und ihre Technik. Ich würde ja gerne anders, kann aber leider nicht! Öl, Holz, Motoren, Drähte, die die Tragflächen zusammenhalten und ich fange an, mit den Armen zu wedeln und wortreich zu erklären, warum ich die alten Warbirds für einen wichtigen Teil der Kulturgeschichte halte. Zwar ist das ein durchaus angreifbarer Standpunkt, aber natürlich fühle ich mich hier absolut im Recht – Widerstand zwecklos! Hirnrissigkeit als Prinzip.

Duxford ist ein Teil des Imperial War Museums, von dem es mehrere Abteilungen in England gibt und die sich mit den verschiedensten Aspekten des Krieges befasst. Dabei wird die Rolle des Krieges für englische Verhältnisse überraschend kritisch dargestellt und eine Museumspädagogik betrieben, die ich mir für Deutschland wünschen würde.

Hier in Duxford wird geflogen!

Keine Pädagogik; die alten Maschinen werden quer durch die Zuschauer auf die Startbahn gerollt und alles liegt vor Bewunderung am Boden. Egal, welches Modell von welcher Nation auch immer, Freund oder Feind: Wenn die alten Motoren mit Rauch und Flammen zum Leben erweckt werden und für mindestens zehn Minuten gar nichts weiter passiert, als das Öl langsam auf Temperatur zu bringen, steht alles andächtig davor und genießt.

Einer der schönsten Szenen, die ich erlebt habe, war eine Gruppe von Menschen, die vor einen Rolls-Royce „Merlin“ Motor standen. Ein Vater nahm seinen kleinen Jungen an die Hand, erhob den Zeigefinger und sagte: „Das ist der Motor, der England gerettet hat!“
Nichts weiter. Nur diesen einen Satz und keiner widersprach.
Der Kleine wird sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt erfahren, daß dieser Motor unter anderem die Spitfires, die Hurricanes zum Fliegen brachte und damit den Einfall der Nazihorden in England 1940 verhinderte – „This was their finest hour!“
Jetzt aber stand er andächtig da, nahm brav den Finger aus der Nase und dachte sicherlich darüber nach, wie ein so kleiner Motor das große England retten konnte. Wenn er die Antwort gefunden hat, wird er sie seinen Kindern erzählen. Englische Geschichte.

Heute steht meine persönliche Göttin auf dem Flugfeld. Die Hawker Fury, ein Doppeldecker aus den dreißiger Jahren und mit dem Vorgänger des „Merlin“, dem „Kestrel“ bestückt. Eine Curtiss Hawk beendet gerade ihr Kunstflugprogramm, aber ich sehe lieber zu, wie man versucht, den achtzig Jahre alten Motor zum Leben zu erwecken.
Die alte Dame hustet und spuckt weitgehend unverbranntes Benzin aus ihren 21 Litern Hubraum – sie ist heute unpässlich! Nach einer Viertelstunde ein kurzes Rollen – der Motor läuft jetzt halbwegs rund – und dann zurück in den Hangar. Och nö, nich? Natürlich laufe ich gleich hinterher um zu erfahren, was denn los ist. Den Besitzer kenne ich bereits vom Sehen; er mich auch, weil ich schon früher wiederholt stundenlang vor seinem Schatz stand, still huldigte und photographierte. Er zuckt die Schultern: „Die Bremse links!“
Die Fury wird mit einem Wagenheber für alte Doppeldecker aufgebockt, das Rad abgenommen und alle stehen herum und beratschlagen, wie man das bis morgen wieder hinbekommt. Natürlich stehe ich nicht alleine vor dem offenen Tor: All die anderen Neugierigen geben ihrem Mitgefühl Ausdruck und dem Wunsch, das bis zu nächsten Tag alles gut sein wird. Das tröstet sicherlich!

Warum ist es bei mir die „Fury“? Sie markiert das Ende einer Ära. Gebaut mit den technischen Mitteln des ersten Weltkrieges, zaghaft verbessert mit Stahlrohr und Aluminium. An allen Stellen sieht man den Versuch der Moderne, der Einführung neuer Techniken. Aber das Gesamtkonzept ist veraltet. Eine Sackgasse, aus der man nur mit einem radikalen Neuentwurf herauskommt. Zu ihren Lebzeiten wurde daran bereits gearbeitet und sie ist der letzte Versuch, das alte Konzept an die Neuzeit anzupassen. Die letzte und eleganteste Evolutionsstufe des Doppeldeckers der Wright-Brüder in der gerade einmal achtundzwanzig-jährige Geschichte des Menschenfluges „schwerer als Luft“.
Die Umrisse ihrer Nachfolger wurden bereits auf den Reißbrettern der Ingenieure sichtbar, während sie herrlich nutzlos, als fliegender Art déco Entwurf die Totenglocke des „goldenen Zeitalters der Fliegerei“ läutete. Tröstlich zu wissen, daß die Hawker Fury niemals als Kampfflugzeug eingesetzt wurde und so ihre silberglänzende Haut nicht von Blut verunstaltet wurde.

Nur 5 Jahre nach ihrer Einführung wurde die „Fury“ von ihrem Nachfolger „Hurricane“ abgelöst. Der unnütze und leistungshemmenden obere Flügel entfiel und das Cockpit war – sehr zum Unmut der Piloten – allseitig geschlossen. Sie und ihre berühmte Schwester Supermarine Spitfire, ein Kind der Luftrennen des „Schneider-Cups“ in den zwanziger und dreißiger Jahren , waren jetzt mit dem Rolls-Royce Merlin ausgestattet.
Dem Motor, der England retten sollte.

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3 Antworten zu Duxford I

  1. opalkatze schreibt:

    Ist der Merlin dieser unglaublich schöne Sternmotor? #Hach.

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  2. pantoufle schreibt:

    Also, liebe Opalkatze! Der Rolls-Royce Merlin ist ein zwölfzylindriger V-Motor! In der „klassischen Version“ mit einstufigem Turbolader (bis zur 20+ Serie) und OHC.
    Trotzdem baut er verhältnismäßig niedrig, was eine schlanke Schnauze ergibt!!!einzelfzig!!1 Der Name dieses Motors ist ein anderes Wort für Kunst!
    Wenn es mir bisher noch an trifftigen Gründen gefehlt hat, eine kleine Reihe über die Genese der ersten Flugmotoren zu schreiben, so ist jetzt die letzte Schranke gefallen, dieses Projekt in Angriff zu nehmen.Geschichte des Benzins, der Zündkerzen und über geniale Motorenbauer wie Arthur Rowledge!
    So, das hast Du jetzt davon und Du mußt sie alle lesen!

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  3. opalkatze schreibt:

    Pööh. Mach ich freiwillig, wenn du’s so schreibst, daß Leute wie ich mit Blut statt Benzin in den Adern das verstehen können. Dä.

    Den Merlin kenn ich dann aber auch persönlich (aus Schleißheim? Hm.). Wer ist denn jetzt dieser wunderschöne Rolls-Royce-Sternmotor?

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