Slice of reality III

„Wo bleibst du denn? Wir warten hier schon wenigstens 12 Minuten auf dich! … Vorspeiseteller ist bestellt. Setz dich, nimm dir ein Glas – trink!“ Upps: Nichts zu trinken? Pantoufle darf aus alter Tradition den Wein aussuchen. Nicht, das meine amerikanischen Freunde das nicht auch könnten. Obwohl aus Nordamerika, verstehen sie viel von gutem Essen und Wein. Das ergibt sich, wenn man sein halbes Leben fern der Heimat verbringt und italienische Wurzeln hat. Freunde, Essen, Wein: Meine persönliche Vorstufe zum Himmel.

Amerone! Dieses Konzentrat aus Corvina, Trauben auf Holzgestellen getrocknet, bis sie zur Rosine verschrumpelt gekeltert werden und diesen mächtigen Wein mit dem leicht bitteren Nachgeschmack ergeben. Ein Traum in viel zu kleinen Flaschen und eigentlich ein wenig zu teuer für mich. Aber am Schluss wird die Rechnung geteilt und dazu ein blutiges Stück Fleisch bitte! „Ja, es darf auch ein wenig Gemüse daran und Kartoffeln fürs Auge. Wehe, ich sehe irgend etwas frittiertes… Chips oder sowas… Dann erschlage ich den Kellner!“ Na gut, diesen nun nicht: Sie ist auffallend hübsch, freundlich und spricht mit einem harten, kehligen Akzent. Die ist nicht von hier – Polin wahrscheinlich, also sozusagen ein Nachbar, was das Namensschild auf ihrem … ähh… Busen; kann sie das doofe Schildchen nicht etwas weiter nach oben oder weiter rechts anbringen? Aber doch nicht da! Ich muß sie nach ihrem Namen fragen und nicht kurzsichtig, wie ich bin, gerade von da ablesen. Genau diese Position aber ist eine Aufforderung zu gesellschaftlichem Fehlverhalten!

Maria! Ich hätte da gerne… ja, auch mit Mineralwasser ohne Blasen. Maria läuft durch den dicht gefüllten Laden, kommt wieder, zeigt die Flasche. Ja, die Flasche wäre schon recht bis auf eine Kleinigkeit. „Wie meinen?“ Ja, der Korken: der stört! Der muß weg – so nehme ich die nicht.
Meine große Klappe! Hätte ich doch blos die Buddel genommen, wie sie war und das Kellnerbesteck aus der linken Innentasche, nahe meinem Herzen, der Lederjacke genommen! Mit Holzeinlage, bestem Stahl und von einem namenhaften Hersteller, gesegnet mit den Flüchen meiner Frau, die mich für unzurechnungsfähig erklärte, als ich damit eines Tages nach Hause kam. Der Korken, der diesem Werkzeug widersteht, ist noch nicht geschält!

Maria nimmt die Flasche in die eine, des Korkenzieher in die andere Hand. Eines von diesen Dingern, die „man mit dazubekommt“. Wahrscheinlich mit der Aufschrift Coca-Cola und das Unglück nimmt seinen Lauf. Abbruch der Operation nach 4 Minuten; gerade noch rechtzeitig, bevor man mich mit medikamentös ruhigstellen muß und Abgang. Der Wein bekommt nun Chefarztbehandlung. Der Korkmeister des Restaurants gibt sich persönlich die Ehre, um nach einer gefühlten halben Stunde Maria mit der Botschaft zurückzuschicken, der Kork wäre unbesiegt im Halse stecken geblieben; dem der Flasche seiner. Jedenfalls zur Hälfte – die andere steckt wahrscheinlich im Rachen des Verlierers. Maria erklärt mir die Geschichte, während sie vor mir auf dem Boden hockt und ihre Hände auf meine Knie legt. Mädchen: Das ist jetzt aber… wirklich! Steh doch bitte wieder auf! „Nein, das war die letzte Flasche und ich könnte ja…“ Will aber nicht! So, jetzt gib mir das Ding. Wenn der Korken gesund ist, tut er dem Wein nichts, wenn ich ihn jetzt mit dem Finger reindrücke. Sonst hätte man mit ihm keine Flasche verschlossen. Fertig!
Der Amerone verbilligt sich mit dieser Sterbehilfe um 50% und ich habe wieder ein gutes Gewissen.

Und da kommt ja auch schon der Hauptgang! Fleisch! Roh! Es darf gerade eben nicht mehr weglaufen wenn man es anschreit – dann ist es richtig. Das Korkenmassaker hat mich hungrig gemacht. Ich will jetzt Blut sehen! Um mich herum fällt alles in die Pasta ein und mampft.
Messer und Gabel umkrampft und hinein! Das Messer prallt vom Filet ab, ohne nennenswerte Trefferwirkung zu erzielen. Auch einem zweiten und dritten Angriff widersteht die Festung Rind recht unbeeindruckt. Verstehe: Neues aus der Rubrik „humanes Schlachten“ – einfach warten, bis das Vieh tot umfällt. Todesursache Altersschwäche. Mari.. nein, das kann ich ihr nicht antun und so kämpfe ich tapfer gegen das Tier und gewinne zum Schluss. Zum Glück habe ich nicht Muscheln bestellt: Die wären wahrscheinlich mit Schraubstock und Brecheisen gekommen.

Der zähe Bulle ist besiegt, der Wein noch nicht und der ist überraschend gut. Also genüsslich zurücklehnen und die zu grelle Beleuchtung durch den schwarzroten Wein betrachten. Schon wieder zwei Hände, diesmal auf meinen Schultern und ein Gesicht von hinten neben dem meinem. Maria. Warum ich mit dem Essen unzufrieden… was?… Aber ich habe doch gar nicht! Nein, wirklich nicht!
Kleiner Irrtum des Hauses: Es war ein Herr vom Nebentisch, dessen Wein nach Kork… der Rest geht im gröhlenden Gelächter meiner Freunde unter. Ach, Korkkrümel im Wein? Ne, Meister! Die Nummer kann man nur einmal am Abend bringen und du kommst ganz klar zu spät!

Metropolis bei Nacht

Es ist schon lange dunkel geworden, als wir selig vom Wein und unserer gegenseitigen Gesellschaft das Lokal verlassen. Auf der Straße – besser: den Plätzen und Winkeln des Molochs tobt das Leben. Hier wird nicht geschlafen! Die Lichter in den Hochhäusern brennen noch alle, während diejenigen, die sie am Tage bevölkern, sich nun mit einem Glas in der Hand vor den Tränken finden. Es ist laut. Laut und aggressiv . Trotz der hohen Giorgio Armani und Joopdichte herrscht eine Stimmung, die andernorts Taxifahrer in London davon abhalten würden, den Fahrgast dorthin zu bringen. Ein Bentley Continental GT rast mit kreischendem Motor und weit höherer Geschwindigkeit als den erlaubten 30 Meilen über die Brücke – ein paar von den ausgesucht Gekleideten applaudieren. Das ist ihr Land, sie machen die Gesetze hier. Ein Strafmandat? Wieviel? Hey Bobby: zahlen bitte! Soviel verdiene ich in 4 Minuten! Willkommen im Klub der Söhne.

Kalte Augen. Wir sind die wahren Gläubigen! Unser einziger Gott hat viele Namen, ist aber nur ein Gott. Dollar, Pfund und Euro, aber nur ein Gott! Wir drucken sein Antlitz in kleinen Bildern auf Papier, auf das jeder ihn sehe und verehre. Verneigt euch vor uns, verneigt euch vor den Papierschnitzeln, die wir euch geben. Unser Gott liebt den Beton, den Stahl – hast du den Bentley gesehen? Er kostet mehr als ein Haus! Er kostet viele Häuser und jeder von uns hat viele dieser Häuser! Gott liebt Bentleys. Gott liebt uns. Er muß es einfach! Wer sonst sollte uns lieben?

Von der nächsten Straßenecke kommt der Ton einer Trompete. Ein Ton – eine Anklage. Miles Davis fährt einen schwarzen Ferrari. Die Cobs haben ihn einmal angehalten und gefragt „hey Nigger: Woher hast das Auto?“ Ich fahre eine mattschwarze VFR.
Miles: Lass uns zusammen gasgeben und im letzten Moment abspringen, den Stahl und das Eisen in diese verrottete Gesellschaft rasen lassen. Sie bluten nicht, niemand weint um sie oder vermisst diese Brut, diesen Abschaum der Erde.

Tief in den Katakomben Metropolis arbeitet Maria aus Polen. Sie hetzt, läuft und kümmert sich um die verlorenen Kinder in dieser Unterwelt. Kinder wie mich, der ich ihr Vater sein könnte. Die letzte Gerechte von Sodom, um derentwillen diese Stadt nicht zerstört werden soll.

Nur verlassen soll sie werden, mit einem hohen Zaun versehen als Mahnmal für unsere Kinder stehenbleiben.

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3 Antworten zu Slice of reality III

  1. opalkatze schreibt:

    Wird langsam spannend.

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  2. pantoufle schreibt:

    Kein Happy-End! Hab ich ja schon gesagt! Kein Kuss vor flammendem Inferno! Scarlett wischt den Boden mit Rhett Butler. Mythenmetz, Mythenmetz….

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  3. Fanny schreibt:

    Hoffentlich lässt sich Miles im letzten Moment was Besseres einfallen. Es wäre schade um seinen Anzug. Könnte er uns nur mit ein paar Noten mehr beglücken…

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