Slice of reality II

der Moloch

„Die Produktion hat ein Zimmer gebucht auf den Namen…“ – an dieser Stelle schiebe ich meinen Ausweis über den Tresen der Rezeption: „Tango Alpha Alpha Kilo Echo.“ Er grinst, sieht den Helm und fragt, wo ich parke. „Da draußen – armgewedel in die ungefähre Richtung, wo „draußen“ ist – und da stört sie auch keinen!“ Man hätte da einen Parkplatz hinter dem Haus, da könnte ich..  Nach meinen Erfahrungen vom letzten Mal in Manchaster, wo die Weglagerei des Hotels nach einer Woche für einen neuen Satz Reifen gereicht hätten, frage ich erst mal vorsichtig nach. „hey Kollege: stell sie irgendwo an den Rand, wo keiner drüber stolpert: Kostet Dich keinen Cent! Ist ja auch viel sicherer“

Das ist mein Mann! Über die Sicherheit hatte ich mir ohnehin keine Gedanken gemacht. Bei der Wärter – und Kameradichte in diesem Areal, die auch nur einen einzigen unbeobachteten Schritt unmöglich machen, wäre das meine letzte Sorge gewesen.

Der quasselnde Fahrstuhl bringt mich in den zweiten Stock – „ja, es ist jetzt sicher, mich zu verlassen, einen schönen Tag noch und es ist frisch gewischt, seien Sie also vorsichtig, wenn Sie sich bewegen“ und ein herrliches, großes Nichtraucherzimmer. Also nichts wie raus hier!

Die Yamaha fahre ich quer durch eine große Hochzeitsgesellschaft, die sich vor der Tür versammelt hat, verfolgt vom Gästeautowegfahrer des Hotels, der mir hinterherruft, daß das Fahren ohne Helm ein immenses Risiko für meine Sicherheit und Gesundheit wäre. Ich nicke ihm freundlich zu und verstehe bis zum endgültigen Standplatz für die Karre erst mal kein englisch. Da just in diesem Augenblick ein neues Gästefahrzeug weggefahren werden will, ist der Gute vorübergehend beruflich verhindert und ich entkomme ungestört.

Dan und Jay haben mir getextet, das meine Anwesenheit beim Produktionsmeeting zwingend erforderlich wäre; man hätte auch schon ein italienisches Restaurant gefunden, in dem das Ganze stattfinden soll. Verstehe… verstehe vollkommen! Ich weiß, daß dieses Meeting auf jeden Fall eines wird: Lang! Und teuer! Auf jeden Fall aber äußerst amüsant! Also auf nach Canary Warf.

Der Moloch

Der Eingang zum neuen Geschäftszentrum Londons führt über eine Brücke, an deren Ende – natürlich – eine Wache steht, die alle Fahrzeuge anhält und nach dem Ziel der Reise fragt. Die Fußgänger lassen sie unkontrolliert laufen, aber wahrscheinlich vergleicht eine ausgefeilte Software die aufgenommenen Kamerabilder sofort mit einer Kartei von Leuten, die schon einmal terroristisch auffällig waren; also auf den Boden gespuckt, achtlos eine Zigarettenkippe weggeworfen oder einen erfolgreichen Selbstmordanschlag vollbracht haben.

Mit einem subjektiv dramatisch gesteigerten Sicherheitsgefühls betritt man diese schöne, neue Welt. Vor dem Bau scheinen alle daran Beteiligten an den selben Baustoffhändler geraten zu sein. „Ja, man hätte noch mehrere hunderttausend Tonnen schwarze Steine und polierten Edelstahls, von denen man sich für einen angemessenen Betrag notfalls trennen würde“ und alle griffen zu. Also wird der Himmel von schwarzen Steinen, Glas und poliertem Edelstahl verdunkelt, nur aufgehellt von weißen Videokameras und vereinzelt hingestreuten Grünanlagen, im Lageplan von Metropolis euphemistisch als „Park“ tituliert.
Setzen wir uns ruhig für einen kurzen Augenblick auf eine der Bänke. Dieses Pflanzen-KZ wurde gestiftet, gepflegt und unterhalten von der HSBC, der Bank ihres Vertrauens. Damit der Rastende auch gleich weiß, wie sich diese Bank ihre Kunden wünscht, hat ein humoriger Gärtner die Stämme der Bäume bis an die Borke in Beton eingegossen; die Blumen vegetieren in Kästen aus schwarzem Stein und poliertem Edelstahl vor sich hin und wer bisher dachte, das Gras, Blumen und Bäume entfernt etwas mit brauner Erde, die feucht und schwer riecht, zu tun hätte, muß sich eines Besseren belehren lassen. „Blumenerde? Da gehen sie ein doch einfach nach rechts in das unterirdische kilometerlange Kaufhaus – ich bin sicher, das Sie dort fündig werden!“

Steh auf, geh weiter… schließe kurz die Augen und rufe eine Musik aus deiner Erinnerung – kein Mensch braucht einen Ipod – aus Miles Davis Album „Tutu“ nehmen wir „Portia“; Edelstahlmusik mit Drumcomputer und seine langen schwarzen Finger bewegen die Ventile der Trompete, während ich an den endlosen Steinmauern entlang schleiche; die Bridge im Stück ist die Querstraße – die Ampel wird grün und ich gehe weiter, sparsame Töne. Es gibt den einen Ton, den richtigen. Ein Versuch des Bassisten, ein schnelles Leben zu spielen, verneigt sich vor dem Ton der Trompete. Stahl, Stahl, Beton – schwarzer polierter Stein. Schritt für Schritt ist „Splatch“… den nächsten Chorus die Treppe nach links herunter und ich bin da. Drei Finger auf und ab – unter der Biegung der Röhre seiner Trompete ist der Sender, der ihn mit dem Lautsprecher verbindet, Miles hält inne und schiebt mich rückwärts durch die Tür, sieht mich an und sagt „Du bist angekommen!“ Nächster Song nur für dich: Backyard Ritual.

Das italienische Restaurant. Miles dreht das Horn zum Gruß kurz nach oben… „hey Weißbrot: Viel Spass!“ Er ist auch heute wieder unverschämt gut angezogen – beugt sich über sein Instrument, bevor „perfekt Way“ schon von weit weg mich an den Tisch zu meinen Freunden führt.

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4 Antworten zu Slice of reality II

  1. opalkatze schreibt:

    Mehr – mehr – mehr!

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  2. Fanny schreibt:

    Waooow! Große Klasse!!!
    Und ich höre noch die passenden Töne aus Deinem Wohnzimmer erklingen…
    Bitte, lieber Pantoufle, lass die Geschichte weiter gehen !

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