Sehr geehrter Michael Spreng

Letzte Nacht erschien Ihr Artikel „wenn Wähler zu sehr lieben“ in Ihrem Blog „Sprengsatz“, während ich scheinbar gleichzeitig an meinem Aufsatz bastelte. Leider (b.z.w. erwartungsgemäß) ist der Ihre um Klassen besser ausgefallen – wie üblich. Damit werde ich wohl leben müssen. Trotzdem erlauben Sie mir bitte ein paar Anmerkungen dazu.

Beruflich bin ich seit mehr als 20 Jahren im weitesten Sinne in der „Popkultur“ tätig ohne daß ich mir einbilde, die oft seltsamen Wege und Irrungen der Stars und ihrer Fans umfassend ergründen zu können. Ihrer Analyse, daß ein wie in der Popkultur üblicher Fan-Kult in die politische Landschaft einzieht, möchte ich nicht widersprechen. Dieses Phänomen ist meiner Einschätzung nach aber nicht neu: Ein Ernst Thälmann, Ferdinand Lassalle oder Otto von Bismarck ( es juckt mir in den Fingern, Adolf Hitler zu schreiben…lassen wir das; nicht im Zusammenhang mit den anderen Namen!) lösten vergleichbare Reaktionen aus und profitierten politisch von den Mechanismen, die Sie bei Berlusconi oder der „Lichtgestalt“ Guttenberg feststellen. Womit ich zähneknirschend eine Lanze für die „Pop-Fans“ brechen muß: Die sind gar nicht so unkritisch, so liebend und verzeihend, wie es einem oft vorkommt! Eine schlechte Show ist eine schlechte Show. Eine mehr oder weniger lippensynchron singende Britney Spears, ein wegen Taubenschiß ausgefallenem Konzert von King of Lions oder sinnlos betrunken herumtorkelnde Musiker auf der Bühne können sehr wohl für nachhaltige Verärgerung der Fans sorgen. Würde die Liebe zum Star eine so unveränderbare Größe darstellen, würde die „Kelly Family“ immer noch Fussball-Stadien füllen statt die Passarellen der Fußgängerzonen in Fluchtwege zu verwandeln und Kurt Cobain wäre auch noch am Leben.

Nein: Die Fans halte ich nicht in jedem Falle für eine statische Größe.

„[…]so kann eine gefälschte Doktorarbeit den Guttenberg-Fan nicht von seinem Idol trennen. Im Gegenteil: ihre Liebe und Verehrung wird umso stärker, je mehr ihr Idol angegriffen wird, weil sie glauben, es beschützen zu müssen.“

Wenn das Popduo Milli Vanilli aber des „nichtsingenkönnens“ überführt wurde, war es mit der Karriere vorbei – im Gegensatz zu einem „nichtdoktorkönnens“ des Freiherren. Sie, Herr Spreng, haben die Rituale des Show-Gewerbes natürlich nur als Beispiel gewählt: es sei mir fern, alles dieses 1:1 zu vergleichen! Der Funktion der „Fanzines“, die in der Hauptsache von den industriellen Vertretern der jeweiligen Künstler am Leben gehalten werden, verdient dabei aber eine besonderen Beachtung. Wenn die offiziellen Sprachrohre des Künstlers Guttenberg, die Organe von Springer und Burda, ihre Umfragen über die Beliebtheit des Stars so lange wiederholt, bis das gewünschte Ergebnis eintritt, gibt mir das mehr zu denken, als der geistige Hintergrund der Wähler, die den Kriegsminister tatsächlich weiter im Amt sehen wollen.

Solche Fans sind natürlich das Gegenteil des kritischen Staatsbürgers, der sein Urteil immer wieder hinterfragt. Fans setzen die Selbstreinigung der Demokratie außer Kraft und sie legen die Kontrollfunktion der Medien lahm. Aber die Medien (auch die sogenannten seriösen) dürfen sich nicht beschweren: sie haben das unverwundbare Idol miterschaffen.“ schreiben Sie in ihrem Fazit und dem möchte ich mich vorbehaltlos anschließen

Hochachtungsvoll

Pantoufle

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